Mon Retour au Cameroun – Kamerun 2.0

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Ich sitze am Steuer des alten verbeulten Toyota Yaris, den mein Bruder und ich uns teilen, und bin froh, dass ich mich auf die Strecke konzentrieren muss und so die Aufregung noch ein bisschen unterdrücken kann.
Mein Bruder sitzt neben mir und erzählt was er jetzt so, nach seinem frisch bestandenen Abi, vorhat. Wahnsinn, vor zwei Jahren war das ich, die Abiturientin, die das ganze Leben vor sich ausgebreitet liegen hatte, aufgeregt und naiv, offen für alles Neue was das Leben so bereit hält. Wer die Wahl hat, hat die Qual.
Für mich war die Entscheidung nicht schwierig: ein Jahr in Afrika sollte es werden.
Jetzt, zwei Jahre nachdem ich nach Kamerun geflogen und ein Jahr nachdem ich wieder zurückgekommen bin, geht es wieder in das Land, in dem ich so viel erlebt, so viele Wunder, schöne und unschöne Dinge erlebt und einen Großteil meiner kindlichen Naivität verloren habe.
Trotzdem hat es sich immer richtig angefühlt, dort zu sein. Eine andere Welt, nicht vergleichbar mit Deutschland. Ein neuer Horizont für die Abiturientin aus Bayern, die die Welt sehen will.
Vor der Passkontrolle verabschiede ich mich von meinem kleinen Großen.
Am Gate angekommen bleiben mir noch anderthalb Stunden Zeit bis zum Boarding. Mein Vater würde jetzt sicher lachen: ich hab‘s dir doch gesagt Feli, ihr fahrt viiel zu früh.
Unruhig tigere ich durch die Duty Free Shops, mein Kopf voller Gedanken, die sich noch nicht so wirklich fassen lassen. Ein undurchdringlicher Wirrwarr.
Vier Stunden später in Istanbul: verloren stehe ich in dem modernen Abflugbereich inmitten wuselnder Menschen aus aller Welt.
Nachdem ich die Wartezeit schön westlich und konsumtreu bei Starbucks totgeschlagen habe, mache ich mich auf den Weg zum Gate.
Und dort fühle ich zum ersten Mal die wirkliche Aufregung, die Realisierung sickert durch den Gedankenwirrwarr. Am Gate bin ich fast die einzige Weiße.
Um mich herum laute, fröhliche Familien in traditionellen Gewändern, zwischendrin einige allein reisende Geschäftsmänner schick im Anzug. Deutsch hört man hier längst nicht mehr.
Im Flugzeug sitzt neben mir ein Iraner, der nach Kamerun fliegt um dort in Straßenbauprojekten mitzuwirken.
Es stimmt, viele Länder investieren inzwischen auf diese Weise in Afrika: Straßenbau gegen Rohstoffe. China ist ganz vorne mit dabei, gefolgt von Brasilien. Nur Europa verpasst irgendwie den Aufsprung auf diesen Zug in die Zukunft.
Um ein Uhr nachts kommen wir in Douala an, es ist wie immer schwül, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 98%. Dieser distinktive Kamerungeruch liegt in der Luft: ein bisschen Schimmel, Schweiß, Autoabgase, Feuchtigkeit. In ein paar Stunden werde ich ihn schon nicht mehr wahrnehmen.
Ich bin fast erstaunt und sehr erleichtert als ich beide meiner Gepäckstücke auf dem Gepäckband anrollen sehe. Das ist immer so eine Sache mit dem Gepäck. Aber alles funktioniert reibungslos und in den paar Sekunden die ich brauche um Maurizio, der mich abholt, zu begrüßen, haben sich bereits zwei Gepäckträger unaufgefordert meine Taschen geschnappt.
Ich muss lächeln. Echt ganz schön unverschämt, denn gleich am Auto werden sie Geld dafür verlangen. Aber so sind sie halt die Kameruner. Am Anfang machte mich das fassungslos.
Dann sitzen wir endlich im Auto, Emmanuel ist auch da. Maurizio ist Italiener und arbeitet hier in Douala für die katholische Kirche im internationalen Friedensdienst. Er gibt Seminare zur Friedensarbeit und schult Mitarbeiter zu Themen wie Gewaltfreiheit und internationaler Politik. Emmanuel ist der Gardien, er lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern in einem Anbau am Haus und passt auf.
Birgit, Maurizios Frau, ist Deutsche und unterrichtet an dem Deutsch-Institut, wo ich ab und zu Konversationskurse gegeben habe. So lernten wir uns kennen und jetzt komme ich für ein paar Wochen bei ihnen unter 🙂
In dem hübschen Haus im Stadtteil Bonapriso angekommen, falle ich sofort ins Bett.
Als ich aufwache bin ich mir nicht so ganz sicher, ob das die Realität oder noch ein Traum ist.
An diesem Tag schmeiße ich mich ins Getümmel in Akwa, dem Geschäftsviertel Doualas. Ich lasse mich ein bisschen treiben, laufe Slalom zwischen parkenden Autos, Motorrädern, fliegenden Händlern und Pfützen. Es ist Regenzeit in Douala, man weiß nie wann es anfangen, und vor allem nicht, wann es wieder aufhören wird. Oft stehen die Straßen einen Meter unter Wasser.
Schließlich lasse ich mich ziemlich erschöpft auf eine Bank im Foyer du Marin, der deutschen Seemannsmission in Kamerun, sinken. Das Foyer ist ein Ruhepunkt inmitten des hektischen alltäglichen Lebens auf der Straße. Ein hübscher tropischer Garten wird umrundet von einer ausladenden Restaurant-Terrasse und dem Hotelaufbau mit vielen individuellen Zimmern.
Was hat sich verändert in Kamerun?
Viele neue Gebäude sind aus dem Boden geschossen, es ist erstaunlich wie schnell gebaut wird.
Plastiktüten sind inzwischen gesetzlich verboten, das hat mich sehr erstaunt. In den großen Geschäften kriegt man zwar immer noch alles in Plastiktüten eingepackt, aber wenn man auf den Markt geht dann muss man seine eigene Tüte oder Tasche mitbringen.
Eine normale Taxifahrt (ein Platz im Taxi) kostet inzwischen 250 Francs, früher waren es noch 200 (eine Erhöhung von ungefähr 30 Cent auf 37 Cent). Eine drastische Reaktion auf die Erhöhung der Spritpreise.
Eine Erhöhung um ein Viertel des vorherigen Preises ist tatsaechlich extrem. Für fast jeden sind die „shared taxis“ das alltägliche Transportmittel und somit wird der Alltag um einiges teurer. Vor ein paar Tagen wurde ich im Taxi bereits Zeugin einer lebhaften Diskussion zwischen Fahrer und Mitfahrern, wer denn jetzt eigentlich streiken und auf die Barrikaden gehen solle: die Taxifahrer wegen des erhöhten Benzinpreises oder die Fahrgäste wegen der erhöhten Fahrpreise.
Nach einer lauten Diskussion (wie es in Kamerun üblich ist) einigten sie sich darauf, dass es hauptsächlich das Problem der Fahrgäste sei, denn die Taxifahrer verdienen im Schnitt besser als vorher. Der Benzinpreis wurde schließlich nicht um ein ganzes Viertel angehoben.
Während meiner Taxifahrten durch das Gewusel von Douala, diesem unaufhörlichen bunten Strom von lauten Stimmen, Autohupen und Musikbeschallung bin ich immer wieder überwältigt von der Lebenswelt hier. Generell wird jeder Tag gelebt als ob es der letzte wäre. Leider kann man sich auch wirklich nie sicher sein wie das Leben weitergeht, ob es nicht tatsaechlich der letzte Tag ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kameruners liegt bei knapp 55 Jahren.
Dementsprechend liegt sparen nicht in der Natur der Kameruner. Die Menschen, die sich jeden Tag auf einem der undurchdringlichen Märkte Doualas mit Feilschen und Verkaufen um die Ohren schlagen, verwenden die paar Euro, die sie verdient haben um die Zutaten für das Abendessen zu kaufen.
Unvorstellbar für uns durchstrukturierte Deutsche: nicht mal einen Plan für den nächsten Tag zu haben, einfach nur zu wissen, das man es immer und immer wieder versuchen muss, schließlich hat man eine Familie zu ernähren. Irgendwie, meistens mehr schlecht als recht, muss es halt gehen.
Meinen letzten versprochenen Abschluss-Blogeintrag hatte ich übrigens nie geschrieben.
Ich glaube inzwischen, es war die Unfähigkeit meinerseits, einen offiziellen öffentlichen Abschluss meines Jahres zu verfassen. Einen Punkt und eine Unterschrift unter den großen Traum zu setzen.
Eigentlich wollte ich noch von meiner Praktikumswoche im OP des evangelischen Krankenhauses erzählen, aber das hätte hier wahrscheinlich keinen so großen Anklang gefunden. Immer wieder vergesse ich, dass meine Faszination für die innere Anatomie des menschlichen Körpers von eher wenigen geteilt wird, geschweige denn für die Gründe aus denen man ihn überhaupt aufschneiden sollte 😉
Im Großen und Ganzen ist der Rest meines Freiwilligenjahres in Kamerun als ein Monat voller Abschiede und Torschlusspanik zusammenfassbar. Oft rannte ich leicht panisch durch die Straßen und über die Märkte, motiviert mir noch einmal alles genau einzuprägen.
Die Angst, den mir so zur Heimat gewordenen Ort für lange Zeit oder vielleicht sogar nie wieder zu sehen war furchteinflößend. Schon wieder ein Aufbruch in eine unbekannte Welt. Das Leben in Deutschland erschien mir so weit entfernt wie ein Urlaub auf dem Mond.
Im Nachhinein brauchte ich auch viel länger, um mich in Deutschland wieder einzuleben als ich es gebraucht hatte um in Kamerun anzukommen.
Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich den riesigen Paritäten-Graben, gefüllt von einem reißenden Strom unüberwindbarer Vorurteile durchschwimmen.
Wurde heruntergerissen und herumgewirbelt vom deutschen Konsumverhalten, der erstaunlichen Wohlstandsverwahrlosung, der immer hektischeren Hetze nach dem immer Größeren, Besseren, Schnelleren, bei der die Strebenden nicht nur ihre Mitmenschen, sondern oft auch sich selbst auf der Strecke lassen und vergessen.
Wie kann man nur so leben?
Ich wollte sie hassen, diese medienkontrollierte Gesellschaft voll aufgesetzter Lügenmasken und strebender Zombies, diese Tunnelblickmenschen.
Nie in meinem Leben fühlte ich mich so allein als in dem Moment, in dem ich kurz nach meiner Rückkehr zum ersten Mal wieder in der Münchner Fußgängerzone stand, fassungslos.
Am liebsten hätte ich geschrien, wer seid ihr und was tut ihr da bloß??! Wonach strebt ihr da, was genau rennt ihr da hinterher, das ihr Leben nennt?
Aber wie etwas hassen, dessen man von Geburt an fester Bestandteil ist?!
Noch nie hatte ich so an dieser westlichen Welt gezweifelt wie in den ersten Monaten nach meiner Rückkehr und noch nie, selbst nicht im Herzen Kameruns, hatte ich mich so fremd und unzugehörig gefühlt.
Ich konnte und wollte mich nicht mit dem identifizieren, was ich war.
Eine wahrhaftige Sinnkrise des Erwachsenwerdens in unserer globalisierten Transitwelt.
Nun gut, bevor es hier ein bisschen zu gesellschaftskritisch und philosophisch wird, mache ich einen Cut.
Schließlich bin ich in Kamerun, einem Land in dem noch vorrangig für Speiseöl, Windeln und Seife geworben wird, in dem das immer wiederkehrende Streben in jeden neuen Tag der Seele eine Simplizität gewährleistet, die in der Welt, aus der ich komme, nicht mehr möglich ist.
Das soll keine kolonialistische Romantisierung des „entwickelten Westlers“ gegenüber des „einfachen Afrikaners“ sein, nicht dass ihr es falsch versteht. Es ist einfach meine subjektive Wahrnehmung und der Versuch, Gefühle zu beschreiben, die für mich nicht beschreibbar sind.
Nennen wir es einen Entspannungsurlaub für den angestrengten überforderten westlichen Geist.
Diesem widme ich mich jetzt wieder und schicke warme verregnete Grüße zu allen Lesern in Deutschland 🙂
Im Folgenden noch ein paar Bilder aus meinem Kamerunaufenthalt 2.0.

auch in Kamerun wird der deutsche Sieg gefeiert Fischerbraut Feli Huetten am Wouri auf dem Moto feli kocht let love lead

Mein Krankenhasupraktikum – Teil 2: Maternité

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ab jetzt geht's nach links =)

Heute ist es soweit: Ich wechsele von Medizin A/Pädiatrie in die „Maternité“, die Geburtenstation. Ich muss sagen, ich bin ziemlich aufgeregt, weil der erste Tag eigentlich immer am kritischsten für den weiteren Verlauf der Arbeit und vor allem der Zusammenarbeit mit den Kollegen ist.

Sehr pünktlich um 7h30 stecke ich also den Kopf in den „Salle d’Accouchement“, den Kreissaal, der allerdings kein bisschen kreisförmig ist (warum heißt das eigentlich so?!), sondern rechteckig mit drei „Geburtennischen“ an der einen langen Wand und einer langen Arbeitsfläche und zwei Kinderbrutkästen an der anderen.

die Geburtennischen Babybrutkasten, schön kuschelig warm

Wie ich es mir schon gedacht hatte finde ich nur die zwei Nachtschwestern vor. Die anderen Praktikanten und Schwestern werden höchstwahrscheinlich in der nächsten Stunde eintrudeln, auch hier im Krankenhaus wird die Zeit eher gelassen eingeteilt.

Die zwei Schwestern, die seltsamerweise stehen und nicht an ihrem Tisch pennen, gucken mich ziemlich erstaunt an. Ich lächele, gehe ein Stück vor auf sie zu und dann werden mir innerhalb von ein paar Sekunden mehrere Dinge gleichzeitig klar: erstens, sie sehen nicht gerade glücklich über die Störung aus; zweitens, ich weiß auch genau warum: da liegt nämlich gerade eine Frau in starken Wehen auf dem Geburtstisch; drittens: oh Gott, was soll ich denn jetzt sagen, die können mich doch gerade gar nicht gebrauchen. Ich kann doch nicht sagen „Hi, ich bin die neue Praktikantin und fange heute an, wo kann ich mich umziehen?“  Doch weil mir absolut nichts Besseres einfällt und sie mich inzwischen etwas ungeduldig anschauen, sage ich „Bonjour, je suis Félicité, je suis stagiaire et je commence aujourd’hui en maternité“. Oh man fühle ich mich doof bei dem Satz.

Doch die eine grinst und meint: na da kommst du ja gerade im richtigen Moment! Da hinten kannst du dich umziehen!

Ich verziehe mich in die dritte Geburtennische, die als Umkleide- und Ausruhkabine umfunktioniert wurde (so viele Geburten scheint es nicht zu geben), werfe mir schnell meinen weißen Kittel über, stelle meine Tasche ab und stelle mich dann in gute Sicht der schwangeren Frau, die schon mit gespreizten Beinen auf der Geburtenliege liegt. Ich habe keinen blassen Schimmer was jetzt zu tun ist und beschränke mich darauf, den beiden hektisch umherlaufenden Nachtschwestern so wenig wie möglich im Weg herumzustehen, was gar nicht mal so einfach ist. Ich spreche der stöhnenden Frau Mut zu und sie scheint sich sehr darüber zu freuen 🙂 Dann geht es auch schon los, die Schwestern ermutigen sie zu pressen, und plötzlich erscheint zwischen den Beinen eine Kopfoberfläche. Doch dann verschwindet sie auch schon wieder und meine beiden neuen Kolleginnen rufen relativ ruppig: „press stärker, mach schon“. Schließlich, nach zwei Minuten, flutscht ein ziemlich glitschiges rosabraunes Baby in die Welt. Die Mutter hat weder geschrien, noch geflucht, noch sonst irgendetwas was gezeigt hätte, dass sie Schmerzen hat. Außer ein bisschen Gestöhne war sie ziemlich still. Alter. Und jetzt steht die eine Schwester mit diesem Baby in den behandschuhten Händen da und klemmt fleißig die Nabelschnur ab, um sie kurz darauf zu durchtrennen. Irgendwie hatte ich mir die Nabelschnur nie so groß vorgestellt, aber sie hat echt einen beachtlichen Durchmesser und erinnert mich an Bilder eines Darms aus dem Bio-Unterricht. Außer natürlich, dass sie blaugrün-weißlich-schleimig ist^^

Was wirklich toll zu hören ist, ist der erste Schrei des Babys. Das Schreien, dass es loslässt wenn es aus dem schönen warmen Mamabauch in eine kalte luftige Welt hinausgepresst wird; aber auch das Schreien, dass zeigt, dass es lebt, dass es atmet, dass es ein richtiger kleiner Mensch ist.

Wahnsinn.

Das Baby wird nun kurz in einer Wanne abgewaschen und dann auf ein Handtuch in einen der „Babykästen“ gelegt. Es ist noch ziemlich bedeckt von einem weißlichen Zeug, leicht schleimig. Seine Augen sind fest zusammengepresst, als wollte es den Moment in dem es in diese fremde feindliche Welt blicken muss, noch ein bisschen hinauszögern.

Ich schreibe die ganze Zeit noch „es“, das Baby, dabei ist es ein wunderschöner kleiner Junge, mit ordentlich Kopfbehaarung und starken Minifäustchen, die sich um meinen Finger klammern 🙂

Ich stehe da und bin sprachlos. Eine der beiden Schwestern stellt sich neben mich vor den Brutkasten und fragt ob ich weiß wie man Kinder anzieht. Ich nicke, sie drückt mir einen Stapel Babyklamotten in die Hand und wendet sich der Mutter zu, die noch mit der Nachgeburt beschäftigt ist.

Jetzt soll ich dieses  kleine zerbrechliche Geschöpf also anziehen. Dem kleinen Kerl zittern beim Schreien schon richtig die Lippen, es ist wirklich erbarmungswürdig. Aber klar, ich kann ihn verstehen. Er wurde ja schließlich gerade aus kuscheligen 37° in kühle 28° verlegt. Ein bisschen überfordert bin ich leider doch mit den ganzen Stoffteilen. Da gibt es einen Body, Hosen, Hemdchen, Mützchen, ein Stoffstück von dem ich denke dass es die Windel sein könnte. Ich fange einfach mal mit dem Body an, und ziehe ihn dem Kleinen über den Kopf. Gott, dieses Geschöpf ist so winzig! Kurz darauf kriege ich Hilfe und die eine Schwester zeigt mir, wie ich die Stoffwindel anlege. Danach darf ich wieder ran: eine Unterhose, eine Hose, ein Hemdchen, ein Jäckchen, eine Mütze, und um das ganze Paket noch ein Handtuch gewickelt. Da schaut der junge Mann ganz zufrieden aus, inmitten des Stoffbergs um ihn herum, und weint auch gar nicht mehr, sondern wackelt nur ein bisschen mit seinen eingepackten Ärmchen herum. Hach 🙂

Die zwei Schwestern haben inzwischen auch schon die Nachgeburt entsorgt, zwei Praktikanten sind angekommen und alle machen sich fleißig daran den blutigen Boden zu putzen und überall ordentlich zu desinfizieren. Da ich eh noch von nix einen Plan habe bleibe ich einfach bei dem Kleinen stehen und versuche irgendwie mich wieder zu fangen, weil ich ehrlich gesagt den Tränen nahe bin. Dabei zu sein, wie ein richtiger kleiner Mensch auf die Welt kommt…. dafür findet man keine Worte. Plötzlich erscheint mir alles andere, die ganzen alltäglichen Sorgen, total unwichtig und nichtig vor.

Da liegt ein ganz neues kleines Leben direkt vor mir und hält mich fest….!!!

So, das war also das was ich in meinen ersten 45 Minuten auf der Geburtenstation im Hopital Protestant de la Cité erlebt habe 😉

die Nachtschwestern warten auf ihre Ablöse

 Ein reichlich ereignisreicher Morgen. Im Laufe des Vormittags kommt Doktor Linda zur Visite vorbei und zusammen examinieren wir den kleinen neuen Menschen, testen Reflexe und halten eventuelle Auffälligkeiten fest.

Später kommen noch ein paar Mamas mit ihren Babys, bei denen der Nabelschnurverband gewechselt werden muss. Denn nach der Geburt wird die Nabelschnur etwa 7 cm lang abgeschnitten und dann schön verbunden. Jeden Tag wird der Rest wieder ausgepackt, ordentlich desinfiziert und frisch verbunden. Es geht darum, Infektionen zu vermeiden und die Austrocknung der Nabelschnur voranzubringen. Circa drei bis fünf Tage nach der Geburt fällt das Ding dann schließlich komplett ausgetrocknet von selbst ab und übrig bleibt nur noch der Bauchnabel, der uns immer daran erinnert wie eng wir ursprünglich mit unseren Mamas verbunden waren 🙂

jetzt wird der Verband gewechselt! die Nabelschnur wird gut gereinigt und dann wieder eingepackt

Der Rest des Tages ist relativ ruhig, ich quatsche viel mit meinen neuen Kolleginnen, die auch hier super nett sind.

So, das also sind meine bisherigen Eindrücke eines kamerunischen Krankenhauses.

Bald wieder neues aus der Anstalt! 🙂

Mein Krankenhauspraktikum – Teil 1: Médicine A / Pédiatrie

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Wie euch die Überschrift schon verrät, habe ich beschlossen, über mein Krankenhauspraktikum hier in Kamerun zu schreiben. Meine Erfahrungen der ersten Woche kriegt ihr in Tagebuchform, damit ihr euch den Tagesablauf möglichst realistisch vorstellen könnt.

Tag 1, 27.05.2013, Montag

Das Krankenhaus

Es ist 8h30 und ich sitze ziemlich deprimiert auf einer Bank vor dem administrativen Bereich des Evangelischen Krankenhauses von Ndogbati in der Cité-Sic. Wie ich hierhergekommen bin und warum ich jetzt schon deprimiert bin??

Tja, vor drei Wochen, als ich mich für mein Praktikum bewarb, wurde mir gesagt ich solle heute um punkt 7h30 im Büro der Pflegechefin erscheinen.

Motiviert wie ich war stand ich schon um zehn vor halb acht hier auf der Matte. Nur leider vor einer verschlossenen Tür. Also wartete ich, wurde erst immer nervöser und dann immer resignierter. Jetzt ist die Gute zwar da, vor 5 Minuten wehte sie an mir vorbei, aber es gibt noch keine Anzeichen dafür, dass sie sich meiner annehmen möchte.

Weitere fünf Minuten später ruft sie eine große Gruppe fröhlich schnatternder junger Kameruner in ihr Büro.

Schließlich, um 9h30, nachdem ich geschlagene zwei Stunden gewartet habe, bin ich dran und werde ungehalten reingerufen. Die Madame Pflegechefin fragt mich zerstreut ob ich heute schon mein Praktikum anfange. Ja, sieht wohl so aus oder?! Dann aber bringt sie mich auf meine neue Station. Médicine A/Pédiatrie! Dort werde ich im Schwesternzimmer den leitenden „Infirmières“ (Krankenschwestern) vorgestellt.

das Stationszimmer

Einige von den jungen Frauen und ein junger Mann, die ich vorher schon in der großen Gruppe gesehen hatte sind auch da. Es stellt sich heraus, dass sie auch Praktikanten sind. Sie alle gehen auf eine Krankenpflegeschule und müssen gerade drei Monate Krankenhauspraktikum machen. Alle sind super nett und helfen mir gleich mich zurechtzufinden. Ich schlüpfe also in meinen weißen Arztkittel, den ich in die Hand gedrückt bekommen habe, und setze mich zu den anderen. Kurz darauf geht es auch schon los zu einer Patientin. In den nächsten Stunden versorgen wir viele Patientinnen mit ihren Kindern, die bei uns auf der Station sind. Bei 90% wurde Malaria diagnostiziert, sie liegen schlapp auf ihren Betten und kriegen Glucose-Infusionen und lauter Medikamente intravenös verabreicht. Bei den ersten Patienten schaue ich hauptsächlich zu, dann darf ich auch schon selbst Spritzen aufziehen und durch den Zugang spritzen oder Infusionen vorbereiten.

Die Station ist zwar ein bisschen heruntergekommen, dafür aber sehr sauber. Es gibt zwei Teile. Die drei großen Krankensäle, mit jeweils sechs Betten, ein Zweierzimmer und dann den Flur mit den Einzelzimmern, die wirklich in einer ganz anderen Liga sind.

Genauso wie der Preis: für einen Bettplatz im Sechserzimmer zahlt man umgerechnet 3 Euro, für die Einzelzimmer 15 Euro pro Nacht. Ja, das ist sehr viel für hier.

Und leider gibt es Eltern die morgens bei der Visite verlangen entlassen zu werden, da sie es sich nicht mehr leisten können ihr Kind im Krankenhaus versorgen zu lassen. Und das sind die Leute aus den Sechserzimmern…

Wenn ich meinen neuen Kolleginnen dabei zuschaue wie sie Zugänge legen will ich mir manchmal einfach die Augen zuhalten. Aber nicht, weil mir von den Nadeln übel wird, sondern weil sie eine Nadel ganz ungerührt mehrmals benutzen wenn sie nicht treffen. Wenn sie blutig ist wird sie halt kurz mit Infusionslösung durchgespült und wieder zum Stechen benutzt. Ich weiß, für euch klingt das vielleicht gar nicht so schlimm, aber mir wurde es von Anfang an bei jeglicher Arbeit in der Medizin eingeimpft: Nadeln und Spritzen sind Einmal-Produkte! Alles andere ist einfach nicht mehr garantiert hygienisch. Und ich finde Hygiene sehr wichtig wenn es darum geht mit Nadeln in  Venen rumzustochern. Und noch so was: keine Einzige trägt hier Handschuhe bei der Arbeit. Es gibt zwar medizinische Handschuhe, doch die werden beim Nadeln legen zu Staubändern umfunktioniert und den Patienten fest ums Handgelenk gebunden damit die Venen hervortreten.

Es gibt schon einige Unterschiede zwischen deutschen und kamerunischen Krankenhäusern. Das Krasse ist eigentlich, dass die Patienten jedes Fitzelchen selbst bezahlen müssen. Sie kaufen alles, die Medikamente und Spritzen und Infusionen, für sich selbst in der Krankenhausapotheke und halten es dann für die Schwestern bereit. Deshalb wird auch alles wiederbenutzt, weil es hier nichts umsonst gibt. Auch bei Notfällen wird mit der Behandlung gewartet bis jemand gezahlt hat. Für mich ist das einfach schwer zu akzeptieren. Irgendwie finde ich es unfair, dass ich in einem System wie dem deutschen aufgewachsen bin und dann hier sehe wie schlecht es vielen geht, die aber nichts dagegen machen können, einfach weil sie sich das nicht leisten können. Medizinische Versorgung sollte ein Menschenrecht sein!

Tag 2, 28.05.2013, Dienstag

Pünktlich um 7h30 erscheine ich im Schwesternzimmer der Pädiatrie, meinem neuen „Hafen“. Dort finde ich allerdings weder meine Mitpraktikanten noch meine Schwesternchefinnen vor, sondern nur eine ziemlich müde Nachschwester, die mein Erscheinen mit einem simplen Kopfnicken quittiert nur um sofort den Kopf wieder auf die Arme zu legen.

Während der nächsten halben Stunde trudeln dann so langsam auch die bereits bekannten Gesichter von gestern ein. Innerlich muss ich grinsen, denn gestern noch hatte man mir gesagt, dass ich allerallerspätestens um 7h30 da sein solle.

Wir gehen den Patienten guten Morgen sagen und danach kommen auch schon die wichtigen Ärzte samt Entourage zur Visite. Zwischen acht und zehn Personen stürmen nun nacheinander die Zimmer um den Patienten ihre Diagnosen zu überbringen und neue Rezepte auszustellen.

Eine Visite wird vom Chefchirurg übernommen, der gleichzeitig Chefarzt des Krankenhauses ist. Die andere macht der Chefinternist Dr. Obam, der im weitest gehenden Sinne auch mein Chef ist, da er für alle Patientenstationen des Krankenhauses verantwortlich ist.

Nach der Visite kümmern wir uns um einige Patienten, deren Infusionen bereits durchgelaufen sind und die neue Medikamente intravenös verabreicht bekommen müssen. Gegen 10 Uhr gibt es dann erst mal eine Kaffeepause. Obwohl es eigentlich eher heißes braunes Wasser mit sehr sehr viel Zucker ist. Hauptsache es gibt ein bisschen Energie. Den Rest des Tages helfe ich weiter dabei, Patienten zu versorgen. Am härtesten ist es, dabei zuzusehen wie zwei kleinen Kindern neue Zugänge gelegt werden müssen, da sie ihre alten herausgerissenen hatten. Sie schreien und heulen zum verrückt werden. Und für die Schwestern ist es natürlich umso schwerer die dünnen Kindervenchen zu finden, wenn die kleinen Patienten wie wild herumzappeln. Ich möchte eigentlich am liebsten mit den Kids mitheulen, weil ich ihnen die Angst sehr gut nachfühlen kann.

In einem Zimmer liegt sogar ein acht Monate alter Junge mit einem Zugang an der Halsvene, da es unmöglich war, in den Ärmchen eine gute Vene zu finden. Jedes Mal wenn man ihm eine neue Infusion anschließt oder etwas am Zugang intravenös spritzt, fängt der Kleine an furchtbar zu wimmern und zu quietschen.

Aber natürlich gibt es neben den vielen Heulmomenten auch wunderbare Momente mit den vielen Kindern hier auf der Station. Sie sind die tapfersten Patienten von allen, dabei aber auch die ehrlichsten. Und das Schönste ist, wenn es ihnen schon so viel besser geht, dass sie wieder lachen können 🙂

Tag 3, 29.05.2013, Mittwoch

Heute, an meinem dritten Tag im Protestantischen Krankenhaus, lerne ich langsam die Routinen der täglichen Schwesternarbeit kennen. Zudem verstehe ich mit der Zeit endlich das System der Patientenversorgung: jeder Patient hat ein DIN A5-Krankenheft mit seiner Diagnose. Jeden Morgen bei der Visite schreibt der behandelnde Arzt das weitere Vorgehen der Behandlung in dieses Heft. Die Oberschwestern übertragen dann die verschriebenen Medikamente mit der Uhrzeit der Medikamentengabe in eine ins Heft eingetackerte Tabelle und stellen Rezepte für die Patienten aus, damit die die Medikamente für die Behandlung kaufen können.

Eine weitere Schwierigkeit für mich ist das Entziffern der Handschriften. Irgendwie ist das ziemlich schwierig, vor allem wenn man versucht, französische Medikamentennamen und die verschriebene Menge zu lesen.

Ich gebe mir jedenfalls alle Mühe bei der Arbeit und ernte dafür ein wunderbares Lob: die Schwestern vertrauen mir immer mehr Aufgaben allein an, weil sie gemerkt haben, dass ich schon ein bisschen was kann. Schön 🙂

 Feli in Action

Tag 4, 30.05.2013, Donnerstag

Uuuh, heute ist irgendwie ein müder Tag. Der Himmel ist grau und auch wenn man tief einatmet macht einen die drückende Luft kaum wacher.

Kurz nachdem ich mich im Schwesterzimmer installiert habe werde ich daran erinnert, dass heute Gottesdienst ist: jeden Donnerstag ist verpflichtende Messe für das komplette Personal. Wir sind ja nicht umsonst ein evangelisches Krankenhaus 😉

Der Gottesdienst findet ziemlich provisorisch im „Ankunftssaal“, dem großen Warte- und Erstuntersuchungsraum des Krankenhauses, statt.

der Empfangsraum (Acceuil)

Es wird viel gesungen und eine komplette Bibellesung gemacht, und nach einer guten Dreiviertelstunde dürfen wir alle wieder an die Arbeit. Ich persönlich bin zwar nicht sehr kirchenfest, finde solche gemeinsamen Gottesdienste aber schön, weil ich das Gefühl habe es schweißt die Menschen hier sehr eng zusammen. Und diesen Zusammenhalt können sie wahrlich gebrauchen. Allein hat man es hier schwer.

Der Tag verläuft ähnlich wie die anderen Tage auch.

Gegen 11 kommt Oberschwester Onana sehr aufgeregt ins Schwesterzimmer und schimpft wie ein Rohrspatz. Sie erklärt, dass die Patientin aus Zimmer A12 jetzt doch tatsächlich von ihren Verwandten nach Foumban gebracht wird. Diese Patientin hat höchstwahrscheinlich ein Problem mit der Wirbelsäule, sie spürt ihre Beine nicht mehr gut, kann sie kaum bewegen, nicht laufen und hat große Schmerzen. Und jetzt will ihre Familie sie in ihren Heimatort Foumban bringen um sie dort von den altehrwürdigen Naturdoktoren heilen zu lassen. Auch Dr. Obam findet das gar nicht gut, denn jetzt riskiert die Patientin tatsächlich eine Lähmung ihrer Beine. Doch die Familie ist überzeugt davon, dass sie auf dem Dorf besser behandelt werden kann…

Leider kann dagegen nichts unternommen werden und so lassen wir sie ziehen.

Später, am Nachmittag sind wir dabei einem Langzeitpatienten, „Papa Pasto“ (ein Pastor der einen Motorradunfall hatte), seine täglichen Medikamente zu verabreichen, als etwas erstaunliches passiert: Maman Onana, die Oberschwester, gibt ein paar Medikamente in die Infusion den Pastors und plötzlich wird diese weiß wie Milch und es bilden sich lauter kleine Fitzel, wie Fruchtfleisch im Orangensaft. Ich starre interessiert auf die Infusion und den Infusionsschlauch, in dem die Flüssigkeit langsam zum Stehen kommt da die Fitzel den Durchlauf verstopfen. Maman Onana grinst und meint nur: stell deine Frage Félicité. Sie hat das große Fragezeichen auf meinem Gesicht richtig gedeutet und erklärt mir nun, dass zwei der Medikamente, die sie in de Infusion gegeben hat, anscheinend inkompatibel sind, was ihr irgendwie nicht klar war. Ich werde zur Apotheke geschickt um neue Medikamente zu holen. Würden wir diese Infusion weiterlaufen lassen, wäre das sehr ungesund für den Patienten, da sich feste Partikel in den Venen nicht gerade gut machen. Noch dazu würden die ganzen Fitzel wahrscheinlich gar nicht erst durch die dünne Nadel in die Vene kommen.

Kurz  vor Ende meiner Schicht gibt es noch etwas Aufregendes für mich: ich darf einem Jungen einen Zugang legen. Leider treffe ich die Vene beim ersten Mal nicht und Ma Onana übernimmt. Sie schafft es allerdings genauso wenig und wir müssen schließlich eine neue Nadel holen gehen, denn die erste ist anscheinend abgestumpft. Am Ende sticht eine sehr erfahrene ältere Schwester den Jungen, damit er nicht noch länger hier im Schwesternzimmer sitzen muss. Denn der arme Kerl glüht vor Fieber und muss dringend ins Bett. Ich darf es bald bei einem Patienten mit besseren Venen versuchen verspricht sie mir 🙂

Tag 5, 31.05.3012, Freitag

Heute, am letzten Tag meiner ersten Praktikumswoche schildere ich euch einen Tagesablauf meiner Arbeit:

7h30 Ich schneie zusammen mit meiner Praktikantenkollegin Odette, die ich auf dem Weg getroffen habe, ins Schwesternzimmer, wo die Nachtschichtler schon auf die Ablösung warten. Nachdem ich mich umgezogen habe, schnappe ich mir den Dienstblock und mache eine Guten-Morgen-Runde bei den Patienten, wobei ich gleichzeitig ihre Beschwerden der Nacht, Fieber, Übergeben, Durchfall usw., aufschreibe, um sie später ins jeweilige Krankenheft zu übertragen.

Als ich von meiner Runde zurückkomme ist unsere Chefschwester Yvonne bereits da und schimpft mit ein paar anderen Kolleginnen über Schwester Onana, die gestern die Infusion von Pa Pasto versaut hat. Mit ihrem Erfahrungsschatz dürfte ihr das eigentlich auf keinen Fall passieren, schon gar nicht vor einem Patienten.

8h30 Allgemeinarzt und Stationschef Dr. Obam schaut herein um uns für die Visite abzuholen. Mit ihm gehen wir zu allen erwachsenen Patientinnen auf der Station, denen er neue Medikamente verschreibt und Mut zuspricht. Danach bleibt er noch bei uns im Schwesternzimmer zum Kaffee trinken und Quatschen 🙂

9h30 Visite mit dem zuständigen Kinderarzt Dr. Teutu, einem seltsamen Vogel, der allerdings wirklich gut mit Kindern umgehen kann. Er ist ziemlich unberechenbar und stellt oft uns, den Praktikantinnen, fiese Fragen zu Krankheitssymptomen und Behandlungsformen. Auch bei mir macht er da keine Ausnahme. Leider blamiere ich mich dabei heute ziemlich, denn ich habe keine Ahnung was das Wort, dass er da sagt, bedeutet. Er fragt nach den Symptomen irgendeiner Krankheit, aber bei einigen medizinischen Begriffen hört mein Französisch leider auf. Er besteht trotzdem auf seiner Frage, versucht es sogar auf Englisch. Schließlich, als er die Krankheit umschreibt, verstehe ich endlich, dass er Dehydration (Austrocknung) meint, was besonders bei kleinen Kindern schnell auftreten kann. Wenigstens weiß ich ein bisschen was dazu, puuuh….

10h Nach einer kurzen Pause gehen wir eine 15jährige Patientin, Esther, versorgen die eine starke Infektion hat. Sie ist bereits seit gestern da und ich habe sie ins Herz geschlossen. Sie mich anscheinend auch, denn sie will sich nur von mir stechen lassen. So kommt es also, dass ich meine erste Spritze in den Po geben darf. Wuuuh 🙂 es klappt reibungslos und ich bin überrascht wie einfach es ist, Spritzen in den Hintern zu geben.

Danach ist es erst mal ruhig im Schwesternzimmer. Die Oberschwestern übertragen die neu verschriebenen Medikamente in die Krankenhefte, damit wir später wissen wie was dosiert werden muss.

11h Ich werde ins Zimmer A5 gerufen, da die Infusionslösung eines kleinen Jungen, Lefranck, fertig durchgelaufen ist. Ich stöpsele sie ab und der Kleine ist sichtlich erleichtert über seine wiedergewonnene Bewegungsfreiheit 🙂

Als ich zurück ins Stationszimmer trete sitzt eine neue Patientin auf den Sitzen an der Wand. Die anderen beugen sich über ihre Krankenakte um zu entziffern was der Doc ihr für eine Behandlung verschrieben hat. Wie jeder andere Patient kriegt auch sie einen intravenösen Zugang an der Hand. Eine Kollegin grinst mich an und meint: „Na Feli, willst du stechen?“ Wow, das kommt jetzt aber plötzlich. Aber klar will ich! Doch als ich mich auf den kleinen Holzschemel vor die Patientin setzen will drängt Odette mich zu Seite und erklärt schnippisch: „Lass das, ich steche jetzt!“ So eine dumme Kuh! Sie ist die Einzige die vor den Patienten echt oft unfreundlich zu mir ist, nur weil sie schon einen Monat Praktikum hinter sich hat und wirklich ALLES besser weiß… Naja, später finde ich heraus, dass dieser Zugang auch ihr erster war. Wahrscheinlich wollte sie nur einfach nicht, dass ich etwas mache, was sie vorher noch nie gemacht hat. Im Grunde ist sie nämlich nur unsicher und verbirgt das hinter einer ziemlich motzigen Maske.

Nachdem die Patientin versorgt ist, machen wir eine kollegiale Kaffeepause, in der die Oberschwester für alle einen Haufen frische Erdnüsse von einem kleinen Jungen kauft, der damit immer im Krankenhaus rumläuft. Die nächste halbe Stunde sind wir alle mit Erdnüsse knacken und Kaffee pusten beschäftigt, während der neueste Krankenhausklatsch besprochen wird.

12h Es ist wieder Zeit für die „Soins“, übersetzt „Pflege“. Im Zimmer für die Kids gibt es zwei kleine Jungen die neue Medikamente bekommen müssen. Beim Kleineren der beiden, eigentlich ist er noch ein richtiges Baby, will die neue Infusion einfach nicht laufen und er heult lautstark während wir an seinem Zugang herumkneten. Der Arme, er denkt wir würden ihn wieder stechen.

Endlich sind alle versorgt und niemand weint mehr. Ich habe nämlich schon einen mega Kohldampf, ziehe mich fix um (in Krankenhausklamotten darf das Gelände nämlich nicht verlassen werden) und mache mich auf zum Senegalesen im Quartier. Das „Restaurant Sénégalais Dakéré“ ist ein Zwischending zwischen Restaurant und Fastfoodkette. Naja, als Kette kann man es noch nicht bezeichnen, es gibt genau zwei „Dakeres“ in Douala. Dort gibt es super leckeres senegalesisches Essen zu annehmbaren Preisen. Ich gönne mir heute einen „Chawarma“, einen senegalesischen Döner 🙂 Eine Rolle aus Dönerfleisch, Tomaten, Zwiebeln, Pommes, Soße und Fladenbrot. Für die Kameruner gibt’s immer noch ne ordentliche Portion „Piment“(sehr sehr scharfes Chili) drauf. Das hatte ich einmal und habe nach zwei Bissen nichts mehr geschmeckt^^ Das Zeug ist echt teuflisch.

Nach einer netten Mittagspause, man kennt mich inzwischen im Dakere und ich quatsche oft mit den Leuten, geht’s wieder ab ins Krankenhaus.

14h Und wieder gibt es Patienten zu versorgen: diesmal ist Esther dran, der es leider immer noch echt schlecht geht. Ihr Fieber ist seit gestern kein bisschen gesunken und sie hat starke Schmerzen in den Armen. Jetzt kriegt sie eine neue Infusion, die am Anfang natürlich nicht richtig durchgehen will. Immer so ein Hickhack mit den Venen, ehrlich. Aber mit der richtigen Position der Hand und ein bisschen Pumpen klappt‘s dann glücklicherweise.

Eine ältere Frau kriegt noch ein Antibiotikum intravenös gespritzt, dann schnappen wir uns unser „Schwesterntablett“ und verschwinden wieder aufs Stationszimmer.

Den Rest des Nachmittags verbringe ich mit Laufburschenaufgaben. Krankenakten von bestimmten Leuten unterschreiben lassen, den Doc auf neue Resultate gucken lassen, sowas.

ein kleiner Junge, der auf seine Mama wartet

16h Ich gehe rum und bitte alle Patienten, ihre Thermometer zu „platzieren“, damit meine Kolleginnen in fünf Minuten kommen können um die Temperatur in die Krankenakten und Temperaturkurven einzutragen. Dann ist mein Tag für heute rum. Ich verziehe mich in den kleinen abgetrennten Raum im Stationszimmer, ziehe mich um, hänge meinen Kittel an einen Haken, schnappe mir meine Tasche und verabschiede mich von den anderen.

Vor dem Krankenhaus steige ich auf ein Motorrad und lasse mich fix heimfahren. Nach meiner 45- Stunden-Woche bin ich ganz schön alle. Aber auch sehr glücklich 🙂

Das war also meine erste Praktikumswoche in einem kamerunischen Krankenhaus.

In der zweiten Woche schleicht sich der Alltag ein, ich kenne inzwischen schon fast das gesamte Krankenhauspersonal, kenne die Medikamente mit ihrer jeweiligen fallspezifischen Dosierung und weiß wie ich was geben muss (intravenös; durch die Infusion; oder i.m., intramusculaire à in den Popo :D).

In der Mitte der Woche darf ich zum ersten Mal richtig stechen, also Zugänge legen. Das gelingt mir auch mehrmals und Pauline (meine Mitpraktikantin, die auch gerade zum ersten Mal gestochen hat) und ich sind ziemlich stolz auf uns 🙂

alles paletti auf Station

Wir haben Glück, denn im Moment kommen wirklich viele neue Patienten rein. Wir mussten sogar schon ein paar Kinder in Erwachsenenzimmern unterbringen. Gott sei Dank gibt es noch niemanden dem wir kein Bett geben konnten, was leider auch viel zu oft vorkommt wie mir die Oberschwestern erzählen.

Zwischenzeitlich mache ich auch die chirurgische Visite mit und sehe dabei zu wie der operierte Fuß von Pa Pasto aus dem Verband ausgewickelt und untersucht wird. Schließlich werden ihm die Fäden gezogen und der Fuß sieht nicht mehr ganz so martialisch zusammengeflickt aus wie zuvor. Mega-Narben wird er trotzdem sein Leben lang behalten. Dafür kann er wieder laufen!

Am Donnerstag ist Impftag und als ich an den Empfang trete ist der ganze Raum voll mit Müttern und ihren Babys. Ein wirklich süßes Bild!

Jaja, und dann ist der Freitag gekommen und plötzlich habe ich schon zwei Wochen Praktikum hinter mir. Oh man, und Montag geht’s in die Maternité, die Geburtenstation… Dabei bin ich doch gerade so richtig hier angekommen. Aber natürlich freue ich mich auch auf neue Erfahrungen, vor allem darauf, bei einer Geburt dabei zu sein 😉

Insgesamt hatte ich zwei wunderbare Wochen, arbeitsreich und gesellig. Und gelernt habe ich wirklich eine Menge. So hätte man mich in einem deutschen Krankenhaus nicht arbeiten lassen, das ist sicher!

Arbeit kann auch Spaß machen =)

Wenn ihr wissen wollt wie ich meinen ersten Tag in der Maternité gemeistert habe, dann lest einfach den nächsten Blogeintrag weiter oben 😉

Die Weißen in Kamerun – eine Familienreise

Standard

Nach zwei sehr erfüllten Wochen Familienurlaub, und schon wieder mehreren Wochen Arbeit, melde ich mich zurück aus meinem Posten in Kamerun 🙂

Im letzten Monat gab es eine Menge neuer Erfahrungen für mich. Allen voran die Erfahrung, Reiseleiter für eine vierköpfige Familie in einem zentralafrikanischen Land zu sein. Gar nicht so einfach.

Alles beginnt mit der Ankunft meines Vaters und meines Bruders (meine Mutter war schon eine Woche früher da) am 22. März am Flughafen von Douala. Wenigstens fehlte bei ihnen kein Gepäck, so wie bei meiner Mutter eine Woche zuvor.

Wir hatten noch einen Tag in Douala, zum „Eingewöhnen“, bevor wir uns auf die Reise in den Norden des Landes machten. Ein Tag Douala, weniger langsame Eingewöhnung als ein Sturz Kopf voraus ins kalte Wasser. Für mich ist es ja schon ganz normal. Aber für einen „Durchschnitts-Weißen“ ist das ’ne ganz schöne Packung: 30-35°C, 97% Luftfeuchtigkeit, eine lärmende, abgasverschmutzte Großstadt und der ständige Auffallfaktor, ohne den ich mich auf der Straße wahrscheinlich schon regelrecht einsam fühlen würde.

Doualaimpression

Nach einem aufregenden ersten Tag mit viel Herumgefahrerei, vielen Beobachtungen und Fotos fielen wir alle todmüde in der deutschen Seemannsmission in Douala in die Federn.

Auch für mich war es anstrengend gewesen: ich war der Schirm für den Auffallfaktor, ich kommunizierte mit den Einheimischen, verhandelte Preise, schimpfte, und versuchte gleichzeitig meinen Liebsten alles was sie um sich herum sahen, zu erklären. Motorräder mit bis zu vier Personen darauf, Berge von Abfall, Verkehr, verschiedene Stadtviertel, Gebärden, gesellschaftliches Verhalten und noch viel mehr. Was für mich ganz normal ist, zauberte ein großes Erstaunen auf die Gesichter der anderen.

Am nächsten Morgen geht es dann los: Ein Taxi bringt uns zur Busgesellschaft „Touristique Express“ mit dem wir heute nach Yaoundé, die Hauptstadt Kameruns, fahren werden.

Denn nur von dort fährt er ab: der Zug, der uns alle in den Norden bringen wird. Er hat schon einige Jahre auf dem Buckel, der gute Zug, die Zugstrecke selbst stammt noch aus der deutschen Kolonialzeit. Also haben unsere Vorfahren wenigstens etwas Gutes getan.

Nach vier Stunden Fahrt im ziemlich coolen klimatisierten Reisebus steigen wir in Yaoundé aus. Die Zugfahrkarten, die ich über das gleiche Unternehmen reserviert hatte, werden zusammen mit unseren Pässen mitgenommen, um sie am Bahnhof „verifizieren“ zu lassen. Eine erste Geduldsprobe für meinen Vater, dem gar nicht wohl dabei ist unsere gesamten Pässe in den Händen irgendeines Busfahrers zu wissen. Und noch schwieriger ist es, zu warten und sich einfach in sein Schicksal zu ergeben. Es wird schon klappen, das ist die Devise hier. Für einen ordnungsgewöhnten Deutschen gar nicht so einfach umzusetzen.

Schließlich bekommen wir aber unsere Pässe und die Karten samt frischen Bestätigungsstempeln in die Hand gedrückt, und machen uns mit unseren großen Backpackerrucksäcken auf zum Bahnhof, der nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt ist.

der Bahnhof in Yaoundé

Dort geben wir das Gepäck an einem weißen Container ab und halten Familienrat. Es ist nämlich so: beim Reservieren der Karten gab es nur noch Karten für die erste Klasse, die einer deutschen zweiten Klasse entspricht, heißt jeder hat seinen eigenen Sitzplatz. In der zweiten Klasse hier gibt es nur Holzbänke. Was wir aber eigentlich wollten ist ein Schlafabteil, schließlich fahren wir die ganze Nacht, und wollen nicht total fertig sein wenn wir ankommen. Also gehen wir an den Schalter im Bahnhofsgebäude, und ich frage nach, ob man die Karten eventuell noch upgraden könnte. Nein, das geht leider nicht, sagt mir die Frau hinter der Glaswand, ohne den Kopf zu heben. Sie scheint die Frage schon gewöhnt zu sein. Ein bisschen deprimiert drehen wir uns zur Tür. Auf halben Weg kommt ein Mann im roten „Camrail“-T-Shirt (die Bahngesellschaft Kameruns) hinter uns her und fragt ob wir ein Schlafabteil bräuchten. Als ich nicke sagt er: wie viel geben Sie mir wenn ich Ihnen eins besorge? Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Die Kameruner und ihre Korruption. Man trifft sie überall. Die Frage ist, wie viel ich jetzt biete, damit er mir hilft. Es darf nicht zu niedrig sein, aber auch nicht zu hoch. Schließlich erkläre ich: 10.000 Francs (entspricht ca. 15€). Er nickt schnell, damit ist er zufrieden. Meine Familie schickt er in den Warteraum, mich nimmt er mit durch die Irrungen und Wirrungen des Büroteils. Auf einmal stehen wir vor einer massiven Glastür, klopfen an, treten ein. Vor mir steht ein riesiger Schreibtisch an dem ein großer Mann sitzt und sich über irgendwelche Unterlagen beugt. Als er den Kopf hebt, spüre ich die Autorität die er ausstrahlt. Es besteht kein Zweifel daran, dass er hier der Chef ist. Er mustert uns abschätzig, während der Camrail-Typ, der sich mir als Boniface vorgestellt hat, unser Anliegen vorbringt. Als sein Handy klingelt entschuldigt er sich und geht vor die Tür. Nun bin ich allein mit dem respekteinflößenden Mann, der mich nun erneut taxiert, und irgendwie macht er mir ein bisschen Angst. Warum ich so dringend ein Schlafabteil bräuchte? Ich erkläre meine Eltern wären alt und könnten keine Nacht sitzend verbringen. Die Wahrheit, geringfügig verdreht 😉

Er verzieht den Mund, legt die Stirn in Falten, schimpft mich dafür, dass ich nicht einfach eine Reservierungs-Mail geschrieben habe. Ich denke schon es sieht schlecht aus, als er sein Telefon vom Tisch nimmt und jemanden anruft. Inzwischen ist Boniface zurückgekehrt. Auch er scheint sich unter der Ausstrahlung des Bahnchefs nicht so ganz wohl zu fühlen und tritt neben mir von einem Bein aufs andere, jeden Moment bereit sich aus dem Staub zu machen. Doch was der Typ da in sein Handy spricht klingt gar nicht so schlecht. Erst später wird mir klar, dass er mit der gleichen Schalterdame spricht, die ich schon vorher um ein Schlafabteil gebeten hatte. Er legt auf und erklärt Boniface wo wir jetzt hinmüssen. Dann schickt er uns unter strengen Blicken aus dem Raum. Puuuh.

Eine weitere halbe Stunde später halte ich unsere modifizierten Tickets in den Händen: wir haben ein Vierer-Schlafabteil ganz für uns. Na geht doch 🙂

Nach einer ruckeligen Nacht und einem gar nicht so schlechten Zugfrühstück treten wir schließlich hinaus in die heiße trockene Luft der Sahelzone.

Wir sind in Ngaoundéré angekommen, der Hauptstadt der Adamaoua-Region, der südlichsten der drei Norden-Regionen.

Vor dem Bahnhofsgebäude wartet schon Monsieur Ahmed auf uns, ein tüchtiger Geschäftsmann, der uns ein Auto vermittelt für die spannenden Tage, die vor uns liegen: mit dem Geländewagen, einem so genannten quatre-quatre (ein Auto mit Vierradantrieb), werden wir in den Nationalpark Bouba-Ndjida, an der Grenze des Tchad gelegen, fahren, um im Busch auf Safari zu gehen.

Unser Fahrer, der die nächsten Tage immer dabei sein wird, heißt Amadou, ein kleiner schmächtiger Mann mit dem ausgelaugten Gesicht eines Mannes, der seit jeher hart arbeitet um seine Familie zu versorgen. Diese Art Mann findet man sehr häufig hier im nördlichen Teil Kameruns. Im Gegensatz zu den kräftigen, gut gebauten Menschen mit den typisch afrikanischen Gesichtszügen (breite Nase, große Lippen) im Süden sind die Leute hier eher schmal und hoch gewachsen, mit langen Gliedern und feinen Gesichtszügen.

Man merkt den deutlichen Unterschied zwischen dem Süden und dem Norden: selbst die armen Leute im Süden sind wesentlich reicher als die Nordisten, wie sie hier genannt werden. In der kargen trockenen Landschaft ist die Landwirtschaft ein Metier, an dem man sich die Zähne ausbeißen kann.

Unser Auto ist ein großer weißer Toyota-Geländewagen, ein Fünfsitzer mit Ladefläche statt Kofferraum. Nachdem wir unser gesamtes Gepäck auf die Ladefläche gehievt haben gehe ich noch kurz einen Schlafwagen für die Rückfahrt reservieren (wir wollen ja nicht nochmal aufs Glück setzen und bestechen müssen). Danach geht es los. Wir besorgen uns vier Paletten Wasser und eine Tüte voll Kekse und auf geht’s: anfangs auf guten, später auf sehr sehr schlechten Straßen fahren wir in den Bouba-Ndjida-Park. Eigentlich kann man das gar nicht mehr Straße nennen. Löcher-Piste wohl eher.

Leider habe ich ein bisschen Pech. Ich habe ein nicht unbeachtliches Fieber bekommen. Es ist höchstwahrscheinlich eine Impfreaktion, denn meine Eltern haben mir die Cholera-Schluckimpfung mitgebracht, da ich ja bald ein Krankenhauspraktikum machen werde. Und wie Mütter halt so sind, wollte meine Mom auf Nummer sicher gehen und mich gegen Cholera geimpft wissen, das einem hier durchaus begegnen kann, besonders in der Umgebung von Krankenhäusern. Recht hat sie ja auch 🙂 Vorgestern Abend habe ich also gleich mal den ersten Teil der Impfung geschluckt.

Jetzt bei 40° Grad Außentemperatur im ruckeligen Auto Fieber zu haben ist natürlich ein bisschen störend. Mit der Klimaanlage ist mir allerdings viel zu kalt, also muss meine arme Familie, die nicht wie ich an die Hitze gewöhnt ist, schwitzen, während mir a****kalt ist.

Nach sechs Stunden Fahrt kommen wir endlich zum Eingang des Parks, der mit einem rostigen Metallschild markiert ist. Während der nächsten Stunde schlängeln wir uns auf einem engen staubigen Weg durch den Park. Unser Ziel: das Campement Boubandjida, das vom Franzosen Paul Bour geleitet wird, der sich für die Erhaltung des Parks und gegen Wilderer einsetzt.

Jetzt, gegen 17 Uhr haben wir eine super Zeit erwischt. Schon an diesem ersten Abend im Park sehen wir lauter verschiedene Antilopenarten, Warzenschweine und sogar ein paar Giraffen.

Giraffeee hallöchen

Trotz aller Begeisterung sind wir heilfroh als wir im Camp ankommen, und uns ein bisschen ausruhen können. Ich habe immer noch Fieber und verschwinde relativ schnell ins Bett, um in einen unruhigen, von Fieberillusionen durchtränkten Schlaf zu fallen. Am nächsten Morgen schimpfe ich meinen Bruder, der mit mir das Boukarou, die traditionelle Rundhütte, teilt, dafür, dass er mich wegen so etwas Unwichtigem wie dem Moskitonetz geweckt hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass er mich nachts geweckt hat um mir zu sagen ich hätte mein Netz nicht auf die richtige Art und Weise über mir ausgespannt. Total bescheuert, weil es nämlich komplett richtig war. Aber mein Bruder dementiert alles, und wenn ich so darüber nachdenke, kann ich mir das eigentlich auch nicht vorstellen. Seltsam nur, weil ich mich sehr klar daran erinnere, und auch daran wie sauer ich war, geweckt zu werden.

Ein bisschen Fieber habe ich zwar noch, aber ich fahre trotzdem mit auf Safari. Wir haben einen coolen Vormittag im Busch, und beobachten unglaublich viele Tiere.

Chilla Gazellen

der Chefaffe im hohen Gras

Viele Teile des Parks sind abgebrannt, aber mit Absicht und kontrolliert. Jeder den wir fragen gibt uns einen anderen Grund: es geht darum, die Böden fruchtbar zu halten, und neues Futter für die Tiere wachsen zu lassen. Denn durch die fruchtbare Asche wachsen viele frische saftige Gräser. Aber das hohe trockene Gras wird auch abgebrannt, weil man sonst keine Tiere sähe. Irgendwo geht es ja auch um Tourismus in diesem Park und um das Geld, das dadurch in die Kassen gespült und zum Erhalt des Parks eingesetzt werden kann.

Am Nachmittag ist erstmal Siesta angesagt, und da es 42° Grad im Schatten hat, ist auch gar nichts anderes möglich. Meine gesamte Familie sitzt herum wie erschlagen. Bei dieser Hitze ist alles verlangsamt, selbst die Gedanken. Es ist als wäre das Gehirn zu Wackelpudding geworden.

Trotzdem fühle ich mich wohl. Seit ich im Norden angekommen bin habe ich nicht mehr geschwitzt, eine wunderbare Sache. Mein Körper ist so an die feuchte Hitze Doualas gewöhnt, dass die trockene hier in der Sahel-Zone ihm nicht mehr viel ausmacht. Meine arme Familie leidet dafür umso mehr. Da die Boukarous weder Klimaanlagen noch Ventilatoren besitzen ist es natürlich auch hart für sie.

Zum ersten Mal fällt mir auf, wie sehr ich inzwischen an das Klima hier in Kamerun angepasst bin, und irgendwie macht es mich stolz. Nicht mal die stechende Sonne macht mir mehr viel aus.

Direkt neben dem Camp, in einem breiten ausgetrockneten Flussbett kann man eine Gruppe Affen, Pavianen ähnlich (fr. Babuin), beim Spielen und sich lausen beobachten. Es ist so faszinierend direkt neben diesen Tieren zu sitzen und ihnen zuzusehen.

Babuins

Sonst sieht man das ja nur im Zoo. In freier Wildbahn ist es noch viel toller!

Zwei Tage verbringen wir hier im Park, beobachten Giraffen, Affen, Warzenschweine, Alligatoren und Antilopen, unter anderem auch die Eland de Derby, die größte Antilope der Welt, die es nur hier und in Zentralafrika gibt. Ein Tier größer als ein Elch und unglaublich beeindruckend.

Auf der Rückfahrt nach Ngaoundéré fahren wir im benachbarten Parc de la Bénoué vorbei, in dem es Hippos gibt. Wir fahren nah ans Wasser heran, steigen aus, gehen an den Rand des Flusses und lassen uns von der Szene die sich vor uns ausbreitet überwältigen. Da chillen sie, mindestens dreißig Nilpferde, im Wasser eng aneinandergeschmiegt, nur mit den Augen und der Schnauze über Wasser. Manche schwimmen auch herum, andere tauchen auf aus der engen Gruppe um sich in einer anderen Position wieder ins Wasser zu legen. Und wenn sie sich erheben, diese massigen Körper, wird einem erst ihre enorme Größe bewusst. Diese Artgenossen hier sind um einiges größer als ihre Kumpels in den westlichen Zoo.

Hippooos

Hier stimmt mal wieder das Sprichwort vom Eisberg: oben sieht man nur den Kopf, der im Gegensatz zum Körper, der sich unter Wasser verbirgt, winzig erscheint. Wenn dieser Körper sich aus dem Wasser erhebt kann man nicht anders als staunen.

Und wenn man diese Tiere so in freier Wildbahn sieht, nicht hinter einer Glasscheibe im Zoo, kann man sich auch vorstellen wie unglaublich gefährlich sie sein können. Auch wenn sie einen so friedlichen Eindruck vermitteln. Wenn man sie stört, kann es ganz schnell ganz böse enden.

Schließlich reißen wir uns von den Nilpferden los und fahren weiter bis nach Ngaoundéré. Dort übernachten wir noch eine Nacht auf der Ranch de Ngaoundaba. Eine richtige Ranch mitten in Kamerun, die von einem alten, afrikaerfahrenen Franzosen geleitet wird, der meinen Eltern und mir abends erstmal feurig seine Theorien zum kommenden Bürgerkrieg in Kamerun darlegt. Da alles sehr fundiert ist, bin ich ein bisschen schockiert, so krass hatte ich mir das nicht vorgestellt. Es ist wahr, dass keiner weiß was geschehen wird wenn der ewige Diktator Biya stirbt, aber dass es so schlimm enden könnte hatte ich nie gewagt zu denken. Er ist nämlich der Meinung, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufeinander losgehen werden, und alles in einem Krieg zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden resultieren wird…

Ich hoffe einfach, dass auf friedliche Weise ein neuer Staatschef gewählt werden wird.

Ziege auf Bus

Am nächsten Tag besichtigen wir morgens den Palast des Lamido in Ngaoundéré. Ein Lamido ist eine Art muslimischer König, der früher die gesamte Macht über eine Region besaß, also in allen Angelegenheiten. Der Lamido von Ngaoundéré war seit jeher ein sehr mächtiger und einflussreicher Herrscher, der nicht selten Krieg führte um sein Reich zu vergrößern. Inzwischen ist er nur noch der religiöse Herrscher hier, seine Macht und sein Einfluss auf die Bevölkerung bleiben jedoch ungebrochen. Bei kleinen Konflikten, zum Beispiel bei einem Ehestreit, kommen die Leute an einem bestimmten Wochentag zum Lamido um ein Urteil fällen zu lassen. So kann nur der Lamido entscheiden ob ein Paar sich scheiden lassen darf oder nicht. Der gesamte Norden (größtenteils muslimisch geprägt) ist in so genannte Lamidate eingeteilt und die jeweiligen Herrscher genießen großes Ansehen unter der Bevölkerung.

Im englischsprachigen Teil Kameruns heißen die traditionellen Herrscher „Fon“. Im christlichen französischsprachigen Teil werden sie einfach „Chef“ genannt.

Schließlich, in einem Wolkenbruch der kamerunischen Art, geht es zurück zum Bahnhof und mit dem Zug zurück nach Yaoundé. Dort werden wir am nächsten Morgen vom Zug direkt in den Bus nach Douala geschoben, und sitzen fünf Stunden später ziemlich geschafft in der Seemannsmission, unserem persönlichen Hafen mit Blick auf den richtigen Hafen 🙂

Der nächste Tag ist der Ostersonntag, und für uns geht es auf nach Limbé, einem kleinen Ort am Atlantik mit schwarzem Vulkansandstrand.

Leider muss meine Familie bei der Abfahrt etwas erleben, dass ich ihnen lieber erspart hätte. Anfangs ist es nämlich schwierig ein Auto zu finden, das uns zu einem normalen Preis nach Limbé fährt. Ein Mann nimmt sich unser an und geht auf die Suche nach einem Chauffeur. In der Zwischenzeit kommt jemand anderes mit einem guten Angebot, und wir ergreifen die Chance, denn es ist auch irgendwie anstrengend als weiße Familie auf der Straße rumzustehen, da wir sehr viel Aufmerksamkeit erregen. Als wir im Auto sitzen kommt plötzlich der andere Mann wieder und will von unserem Fahrer Geld haben weil er ihm uns weggeschnappt hat. Der Fahrer weigert sich und innerhalb von einer Minute stehen mindestens zehn Männer um das Auto herum, die sich lauthals streiten. Als unser Fahrer einfach fahren will, greift ihm jemand ans Lenkrad und ein anderer Mann stellt sich in die Beifahrertür. Die Stimmen werden immer lauter und aggressiver und wir können nichts tun außer hilflos zusehen. Sich jetzt einzumischen wäre eher gefährlich als alles andere. Schließlich weiß auch der Fahrer keinen anderen Ausweg, und drückt dem Mann unter empörtem Aufschrei der Hälfte der aufgebrachten Gruppe einen Geldschein in die Hand.

Die andere Hälfte ist zufrieden. Es wird noch ein bisschen auf uns eingeredet, doch dann lassen sie uns endlich fahren.

Auf der gesamten Strecke nach Limbé, normalerweise eine eineinhalbstündige Fahrt, werden wir viermal angehalten, und unser armer Fahrer muss einiges abdrücken, da die Polizisten schließlich auch von den Weißen profitieren wollen. Mein Vater ist geschockt von dieser bis auf die Knochen korrupten Gesellschaft.

Endlich kommen wir am Hotel an und verbringen 2 entspannte Tage am Strand, mit Besuch im botanischen Garten in der Stadt, in dem es faszinierend riesige, alte Urwaldbäume gibt.

Strand von Limbé Riesenbaum im botanischen Garten

Am Dienstag machen wir uns auf nach Buea, der Stadt am Fuße des Mount Cameroons, eine halbe Stunde von Limbé entfernt. Dort wollen wir unsere Tour auf den 4090 Meter hohen Berg beginnen. Nachdem wir unsere Sachen im Hotel abgestellt haben fahren wir zu meiner Mitfreiwilligen Lea ins Büro von ProClimate International, der Organisation bei der sie arbeitet und Touren auf den Mount Cameroon organisiert.

Wir planen alles und später gehe ich zusammen mit Lea auf den Markt um einzukaufen für unsere Tour: Reis, Spagetti, Gemüse, Wasser, Marmelade, Schokoaufstrich, lauter kohlenhydratreiches Essen 🙂 .

Das Brot kaufe ich am nächsten Morgen; 24 Baguettes für vier Personen und drei Tage. Die Frau an der Kasse guckt ein bisschen dumm als ich versuche mich mit meinem riesigen Sack voller Brot durch’s Geschäft zu manövrieren^^

Pünktlich um sieben Uhr morgens erscheinen wir beim Office mit unseren Trekking-Rucksäcken. Dort erwarten uns schon unsere Porter Maffani, Jibril, Simon und Godlove, die bereits das Essen und das Equipment in vier gleich große Haufen aufgeteilt haben. Zum Essen kommen noch Schlafsäcke, Zelte, Geschirr und Töpfe dazu. Emsig fangen sie an, alles in die Rucksäcke zu quetschen. Meiner Meinung nach sind diese Dinger ein wahres Wunderwerk, so viel wie man darin und darum herum verstauen kann.

Porter sind übrigens die Träger, die unser ganzes Zeug auf den Berg schleppen. Anfangs war es eine furchtbare Vorstellung für mich, einen Typen zu haben der mir meine Sachen den Berg hochträgt, es kam mir irgendwie kolonial veraltet vor. Aber inzwischen finde ich es sogar gut, dass es Porter gibt. Denn viele junge Männer in Buea haben so die Chance, sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen. Manche machen es sogar ausschließlich. Der Job als Porter ist äußerst beliebt. Und ich finde es richtig, dass aus dem bisschen Tourismus, den Kamerun zu bieten hat, so viele Arbeitsplätze wie möglich herausgeholt werden. Denn besonders unter den Jugendlichen hier gibt es eine hohe Arbeitslosigkeit und, was noch schlimmer ist, eine Hoffnungslosigkeit, die meist auch noch das letzte bisschen Motivation vernichtet.

Als Porter haben junge Männer die Möglichkeit sich auszupowern und anzufangen ihr eigenes Geld zu verdienen.

Am Office grüßen wir kurz alle und gehen dann erst mal frühstücken. In einem kleinen „Cafétariat“ gibt es für jeden ein Spagetti-Omelette und Kaffee oder Kakao. Gegen acht stößt schließlich unser Guide dazu, Manga. Jetzt, da die Gruppe vollständig ist, werden wir alle samt Gepäck ins Taxi verfrachtet und fahren 5 Minuten zum Startpunkt der Tour.

Dort gibt es noch kurz eine kulturelle Besichtigung zu erledigen: das Bismarckdenkmal.

Ja, man sollte es nicht meinen: mitten in Kamerun am Fuße des Mount Cameroon steht ein Bismarckdenkmal. Es stammt aus der deutschen Kolonialzeit, als Buea noch die Hauptstadt der Kolonie war. Es gibt hier sogar eine Art Schloss, für den damals regierenden Gouverneur erbaut, das jetzt ausschließlich dem Präsidenten (Diktator) zur Verfügung steht und leider nicht besichtigt werden kann.

Nach einem Familienfoto vor der anstrengenden Tour geht es los. Die Porter sitzen noch gemütlich im Schatten, neben sich unsere überladenen Rucksäcke. Sie werden erst in einer halben Stunde aufbrechen, da sie ein wesentlich schnelleres Tempo an den Tag legen als wir. Und tatsächlich holen sie uns nach 45 Minuten locker und ganz entspannt ein.

Der erste Part führt zwischen Bananenheinen steil den Berg hinauf und schon nach den ersten hundert Metern fangen wir an zu schwitzen. Leider geht es meiner Mama nicht so gut, ihr ist schlecht und schwindelig, sie hat das Frühstück nicht vertragen. Das kann natürlich mit unseren verwöhnten westlichen Mägen hier sehr schnell passieren. Nach einer Dreiviertelstunde bricht sie die Tour ab und macht sich zusammen mit ihrem Porter Godlove auf den Abstieg. Wir anderen stiefeln fleißig weiter den Berg hinauf. Es geht durch relativ dichten Wald stetig nach oben. Hier gibt es keine netten entspannt geschlängelten Wanderwege wie in Bayern. Hier geht es alleine um den Aufstieg. Gegen 12 erreichen wir die erste Hütte, Hut 1 genannt und sind sehr froh über die obligatorische Pause. Die Hütte ist ein Konstrukt von den Deutschen und besteht aus zwei einfachen Räumen und einer Art Veranda darum herum.

Hut 1

Mein Bruder Sevi, mein Papa und ich stärken uns mit Schokoriegeln und finden es bis jetzt eigentlich gar nicht so schlimm. Nach einer Viertelstunde brechen wir wieder auf. Während ich mich mit meinem Porter Maffani unterhalte erfahre ich, dass wir bis jetzt noch so gut wie gar nichts geschafft haben. Na supi^^

Jetzt müssen wir erstmal die Baumgrenze erreichen, meint er.

Die erreichen wir dann auch und kraxeln schließlich auf unwirtlichen Wegen mit viel Geröll den Berg hinauf. Es ist wirklich anstrengend und geht sehr in die Beine. Doch wir werden für die Anstrengung belohnt: die Aussicht die sich uns bietet ist atemberaubend. Wir schauen auf das Land wie auf eine Landkarte. Wir sehen Limbé, Buea und den Atlantik der mit seinen blauschimmernden Flussarmen bis weit ins Landesinnere hineingreift.

Leider müssen wir der wunderbaren Aussicht relativ schnell wieder den Rücken wenden und uns weiter den Berg hochkämpfen. Das Gemeine ist, dass man immer eine Kuppe erreicht, und sobald man oben ist ragt eine noch viel höhere Bergkuppe vor einem auf.

hier gehts hoch

Gegen vier Uhr nachmittags erreichen wir schließlich Hut 2, auf satten 2700 Metern. Das heißt, wir haben innerhalb von 7 Stunden knapp 2000 Höhenmeter zurückgelegt. Und genauso fühle ich mich auch. Meine Beine sind ziemlich funktionslos und ich würde am liebsten sofort schlafen gehen. Nicht mal mehr denken mag ich, so körperlich geschafft bin ich. Aber dann raffe ich mich doch auf und bereite schon mal das Schlaflager für mich und die Jungs vor. Wir schlafen auf einer Holzplatte, die in einem der drei Räume der Hütte von Wand zu Wand gespannt ist.

Gegen halb sieben machen uns die Porter dann noch Reis mit Erdnusssoße, selbstverständlich über offenem Feuer, für das sie vorher noch Holz gesammelt haben. Es entbrennt eine kleine Diskussion über Politik in Kamerun, die vor allem meinem Vater sehr viel Spaß macht. Er ist froh endlich jemanden zu haben mit dem er Englisch sprechen kann, im französischen Teil Kameruns war er ja immer auf mich als Übersetzerin angewiesen.

Sobald ich meinen zweiten Teller Reis mit Soße verputzt habe verziehe ich mich in meinen Schlafsack. Aber nicht ohne mich vorher so warm anzuziehen wie es geht. Denn es ist wirklich sau kalt hier oben (verzeiht die Ausdrucksweise 😉 ). Am Ende liege ich mit drei T-Shirts, Fleecejacke und Regenjacke drüber, zwei Paar Socken, Hose und Rock in meinem Schlafsack. An den Füßen ist mir trotzdem die ganze Nacht kalt. Ein Problem, dass ich seit sieben Monaten nicht mehr hatte.

Am nächsten Morgen fühle ich mich alles andere als fit um den Gipfel zu besteigen. Der Ausdruck „gerädert sein“ erscheint mir zum ersten Mal sehr sinnbildlich vertretbar.

Trotzdem motiviere ich mich, schmiere den Jungs Brote mit Schokolade und Marmelade, und dann geht’s auch schon los. Und es ist schlimm. Denn innerhalb der nächsten halben Stunde kommen wir in ein Höhengebiet in dem die Luft rasant dünner wird und die Lunge nicht mehr mitkommt. Irgendwann muss ich alle 10 Meter stehen bleiben und wie ein Fisch nach Luft schnappen. Manga macht mir Mut und meint, dass es gleich besser gehen wird. Ich habe zwar kein bisschen das Gefühl es könnte irgendwie besser werden, aber ich mache einfach weiter. Es gibt ja auch keine andere Alternative ;).

Und ich werde belohnt: weitere 10 Minuten später haben sich meine Lungenflügel endlich ordentlich geweitet und ich kann wieder normal atmen.

Das heißt nicht, dass es jetzt viel weniger anstrengend ist diesen Berg hochzukommen. Es hat sind nämlich zu einer Art Treppensteigen entwickelt und die Muskeln in den Beinen brennen. Dazu wird es immer kälter, ich bin schon fast wieder bei meinem Outfit der letzten Nacht angelangt.

Mount Cameroon Nationalpark

Nach ca. zweieinhalb Stunden kommen wir endlich zu Hut 3, einer umstürmten, windschiefen Hütte auf 3800 Metern Höhe. Hier oben ist es so unglaublich kalt, dass tatsächlich die Finger einfrieren, wie ich es sonst nur aus dem tiefsten Winter oder vom Skifahren kenne. Eine sehr erstaunliche Erfahrung nach 7 Monaten durchgehender Hitze in Zentralafrika.

Wir halten es auch nur 10 Minuten in der Hütte aus, weil es einfach ungut ist sich bei dieser Kälte nicht zu bewegen. Jetzt heißt es: Gipfel stürmen!

Der Rest des Weges führt uns über Vulkanschotter und eine sehr seltsame lunare Landschaft bis auf den Gipfel. Der ist allerdings gar nicht so berauschend wie man denken würde. Wir werden fast weggeweht, so stark geht der Wind hier, und nach ein paar obligatorischen Gipfelfotos machen wir uns fix wieder auf den Abstieg, in der Hoffnung auf möglichst baldiges Auftauen der eingefrorenen Gliedmaßen.

Gipfelstürmer im Nebel

Lange Zeit rutschen wir die schwarzen Vulkanschotterpisten hinunter, die von Meter zu Meter grüner gesprenkelt, von einzelnen Grasbüscheln durchwachsen, werden.

Schließlich kommen wir zu einer Art Hochebende, auf der wir über fest gewordene Lavaströme, von allerlei Strauchwerk bewachsen, wandern. Sie ist sehr sehr weit und wird von ein paar kleinen Bergen am Ende begrenzt. Da es schon halb eins ist und ich langsam ein bisschen Hunger kriege, frage ich Manga wann und wo die Mittagspause geplant ist.

die Hochebene

Er lächelt und erklärt optimistisch: „Just behind that mountain!“, und zeigt auf einen der Berge in der Ferne. Ich fühle mich ein bisschen veräppelt, denn dieser Berg ist noch ewig weit weg. Aber nach eineinhalb Stunden haben wir ihn erreicht und machen im Schatten einiger kleiner Bäume, die auf Vulkanasche wachsen, Rast.

Am Nachmittag kommen wir dann endlich an den ersten Vulkankratern vorbei. Die kleinen Krater sehen eigentlich eher aus wie trichterförmige Erdrutsche. Doch die größeren sind wirklich beeindruckend und noch cooler sind die Lavaströme, deren Weg den Berg hinab man ganz genau verfolgen kann.

Krater

Gegen sechs Uhr abends erreichen wir unser Lager für die Nacht, ein kleiner Zeltplatz am Rande des Regenwaldes. Dort schlagen wir die Zelte auf, kriegen Spagetti mit Tomatensoße, und fallen komplett erledigt in die Schlafsäcke.

Am nächsten, dem dritten und letzten, Tag geht es durch den Regenwald zurück nach Buea. Der Wald ist wirklich beeindruckend dicht und verwuchert, und wir straucheln und rutschen mehr die matschigen Wege entlang, als sicheren Schrittes hinabzumarschieren.

im Regenwald

Und dann, um halb zwei, haben wir es geschafft und kommen endlich wieder in der „Zivilisation“ an, im Stadtteil Bokwoango in Buea.

Als wir endlich ein Taxi gefunden und ins Office zu Lea gefahren sind, kriege ich ein nettes Kompliment von ihr: ich stinke anscheinend gar nicht so wie normalerweise die Leute die vom Berg kommen. Och, das freut mich doch 🙂

Ungefähr zwei Stunden später sitzen wir im Auto zurück nach Douala, wo wir uns wieder in der Seemannsmission einquartieren.

Mein Körper tut einfach weh, und ich laufe wie ein Kerl, dem man ordentlich zwischen die Beine getreten hat. So ein 4000er hinterlässt schon seine Spuren^^

Und am nächsten Tag fliegt meine Familie schon wieder zurück nach Hause. Ein wirklich seltsames Gefühl, sie dazuhaben und dann einfach wieder gehen zu lassen.

Ich muss sagen, seitdem sie weg sind denke ich immer öfter an zu Hause und wie es so werden wird wenn ich heim komme.

Bestimmt seltsam. Dass ein rückwätiger Kulturschock auf mich wartet ist leider schon klar. Darüber aber in meinem nächsten Blogeintrag!

Jetzt heißt es erst einmal: auf ins Krankenhaus.

Aber keine Sorge, diesmal bin ich nicht krank, sondern mache ein fünfwöchiges Praktikum in einem Krankenhaus der evangelischen Kirche hier in Douala. Ich habe einen Arztkittel in die Hand gedrückt bekommen und weiß, dass ich morgen um halb acht auf der Matte stehen soll. Ihr könnt euch vorstellen wie aufgeregt ich bin 🙂

Bald funke ich dann also aus der Anstalt 😉

Bis dahin hoffe ich ihr kommt endlich langsam aus eurem deutschen Winterloch raus und kriegt ein bisschen Sonne ab!

Aufs baldigste!

Eure Feli

Der zweite Streich: Frauentag – Journée Internationale de la Femme

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Wie ihr sicher alle wisst, lerne ich nähen, und zwar in der DUCA (donner une chance à l’avenir), Franzis Organisation, die jugendlichen Schulabbrechern eine Ausbildung finanziert.

Dort habe ich bisher hauptsächlich Taschen, Kissen und lauter so kleines Zeug gemacht.

Vor genau einem Monat fing alles an:

Es ist Freitagnachmittag, ich sitze im Atelier de Couture und nähe an meiner afrikanischen Laptoptasche, als Martial hereingestürmt kommt, und sich mit dem Laptop meiner Schneiderlehrerin Emilienne an einen Tisch setzt. Es folgen anderthalb Stunden aufgeregtes Quatschen und Tabellenerstellen zwischen Martial und Emilienne. Dann dreht sich der verrückte DUCA-Mitarbeiter um und fragt: „Feli, tu défile aussi?“ Übersetzt bedeutet das so viel wie „Feli, marschierst du auch?“ Nur leider kenne ich das Wort défiler nicht, und frage erstmal ahnungslos nach was das Ganze denn zu bedeuten hat. Darauf wird mir erklärt, es wäre ein Schneider-Contest für den achten März, den Weltfrauentag. Emilienne fragt also ob ich denn nicht auch mitmachen will, und nachdem ich sie gefragt habe ob das denn für mich zu schaffen ist („ja klar, ich werde dir helfen“), sage ich fröhlich zu. No risk no fun, ich will mitnehmen was geht aus Kamerun 🙂

Also wird mein Name in die Tabelle eingetragen, was ich bisher so gemacht habe, und ich werde als „Débutante“ eingestuft, Anfängerin.

Am nächsten Mittwochnachmittag, ich bin wieder im Atelier, fragt Emilienne mich, ob ich schon meine Entwürfe gemacht hätte. Hups, das ist mir ja ganz entfallen. Ich soll ein Kleid mit dem Frauentagsstoff machen und ein Abendkleid. Und so beginnt das Brainstorming. An diesem Punkt muss ich sagen, dass ich das alles nie so gut hingekriegt hätte ohne Franzi, die das mit den Mode-Visionen und Stoffarten viel besser drauf hat als ich. Zusammen haben wir also meine Kleider entworfen. Alles einfache Schnitte, schließlich muss ich in genau einem Monat fertig sein.

Eine Woche später ist der Stoff für den Tag der Frauen in den Geschäften, in blau und in rosa. Für alle die mich kennen ist klar für welchen ich mich entschieden habe oder? 🙂

Mit Merlin, meinem Tutor, habe ich abgesprochen, dass ich bis zum achten März jeden Mittwoch und jeden Freitag komplett ab morgens in die DUCA darf, da das Arbeitspensum sonst nicht zu schaffen ist.

Ich komme also Freitagmorgen ins Atelier, auch genannt „Paradis de Création“, und erkläre mega motiviert: „Lasst uns Kleider nähen!“ und danach, etwas gedämpfter „Äh, wie näht man denn ein Kleid Emilienne?“ Ihr könnt euch denken, dass ich im letzten Monat öfters für die Erheiterung meiner Nähkolleginnen gesorgt habe.

Alles beginnt also, wir schneiden den Stoff zurecht, ich nähe und nähe und nähe. Am Wochenende fahren wir Douala-Mädels nach Kumba um Hanna zu besuchen. Dort gibt es einen wunderbaren Stoffmarkt, auf dem Franzi und ich einen Stoff für mein Abendkleid aussuchen.

Den dürft ihr dann weiter unten im fertigen Kleid bewundern 😉

Als dann endlich das erste Kleid, das Frauentagskleid, fertig ist, passt es perfekt.

Das gibt mir nochmal  einen Motivationsschub, und innerhalb von drei Tagen habe ich auch das Abendkleid fertig. Bei dem gibt es aber leider ein paar mehr Problemchen. Irgendwie sitzt es nicht so richtig hundert Prozent. Am Ende legt Emilienne kurz Hand an und rettet mich vor der Verzweiflung.

Und dann ist der Tag gekommen, der siebte März. Wie ich nämlich halbwegs durch den Nähprozess schließlich herausgefunden habe ist, ist das Ganze eine Modenschau, das bedeutet ich muss meine Kleider selbst vorführen und „laufen“. Oh man, das ist ja gar nicht mein Ding. Aber wenigstens habe ich gelernt wie man Kleider schneidert. Da ich „Débutante“, also Näh-Anfängerin, bin, bin ich schon am Donnerstag den siebten März dran mit ‚defilieren‘. Am Freitag wird dann viel mehr Action sein, mit mehreren Wettkämpfen: Friseure, Schneiderinnen und ein Miss/Master-Contest.

Location_die Dachterasse der DUCA

Trotzdem wird auch schon am Donnerstag ordentlich viel Wirbel gemacht, und ab eins werde ich dauernd zwischen Dachterasse, wo das Ganze stattfindet (und wir laufen üben müssen), und Schönheitssalon, wo mir Frisur und Make-Up verpasst werden, hin und her gescheucht.

Während ich geschminkt werde kriegt Franzi eine Art Dauergrinsen und als ich danach in den Spiegel schaue wird mir auch klar warum. Das erste was ich sage: „Oh Gott Franzi ich seh aus wie der Joker!“ Gut, dass mich da niemand verstehen kann^^ Aber es ist wahr, an mir wurde der gleiche Rouge benutzt wie für die anderen auch, nur leider wurde der geringfügige Pigmentierungs-Unterschied ein bisschen außer Acht gelassen. Nach viel erfolglosem Reiben an den roten Backen sind sie nur noch röter, und ich beschließe mich meinem Schicksal zu fügen. Wenn ich schon das Model geben muss, dann auch mit nem Farbtopf auf dem Kopf. Wenn schon denn schon.

Und wie Franzi mir auch schon versichert hat: auf den Fotos ist es nicht ganz so schlimm 😀

die DUCA-Débutantes

Natürlich ist um 14 Uhr, dem eigentlichen Start, keiner fertig und letztendlich fängt alles gegen 15 Uhr an. Moderiert von Martial gibt es ein paar Playback-Gesangs-Auftritte während wir Mädels uns in unserem Raum umziehen.

Wir kriegen alle Nummern, von 1 bis 7, damit die Jury uns bewerten kann. Ich bin die sieben.

Dann geht alles ganz schnell, und plötzlich ist der erste Lauf auch schon vorbei. Später wird mir gesagt ich wäre eher gerannt als gegangen, ich hätte es wohl eilig gehabt.

Aber es ist tatsächlich gar nicht so schlimm 🙂 vor allem weil ich die meisten kenne, die da draußen sitzen, zugucken und jubeln. Die DUCA ist wie eine Familie geworden.

alle haben Spaß

Und dann ist es auch schon rum, und während die Jury sich berät gibt erst Same , einer der Infographiker, eine Performance, und dann Victor der Hausmeister mit einem der Lehrlinge.

Same in seinem Element Victor Auftritt

Schließlich ist es soweit, Georges, das einzige männliche Jury-Mitglied, verliest die Ergebnisse. Übrigens ist das der gleiche Georges, bei dem ich auch auf der Hochzeit war (siehe Eintrag „eine kamerunische Hochzeit“).

Gewonnen hat Ariane, gefolgt von Amahmata, beides Lehrlinge im Atelier de Couture bei Emilienne und Madeleine, bei denen ich auch lerne. Zusammen mit ihnen habe ich viele Tage lang an meinen Kleidern gearbeitet.

die stolze Gewinnerin, Ariane 2. Platz für Amahmata

Und die Dritte??! Seht selbst 🙂

Abendkleid =)

Natürlich sind wir sehr stolz, dass wir DUCA-Mädels die Konkurrentinnen von auswärts geschlagen, und die ersten Plätze belegt haben. Und Emilienne und Madeleine erst 😉

Dann wird noch fröhlich getanzt, relativ bald ist aber alles wieder abgebaut und aufgeräumt und die Leute gehen heim. Denn alle müssen sich für morgen ausruhen oder Dinge vorbereiten.

die Teilnehmerinnen tanzen mit Martial

Da bin ich nicht ausgeschlossen. Ich habe zwei Verpflichtungen für den achten März: in der DUCA gibt es wieder Programm und ich helfe bei verschiedenen Dingen und im Collège findet der „Jour de la Gastronomie“ statt. Ja, hier gibt es einen gastronomischen Tag 😀 An diesem Tag werden alle Klassenräume wunderschön dekoriert und gemütlich gemacht und die Schüler kochen viele verschiedene Gerichte, die dann zusammen verspeist werden. Im Rahmen des Deutsch-Clubs haben Madalena und ich uns verpflichtet deutsche Gerichte beizusteuern. Oder wir wurden eher mit allen Mitteln dazu überredet, von der Deutschlehrerin, die unbedingt „Würstschen und Sauerkraut“ essen will. Ein Wunsch dem wir leider nicht nachkommen können, da das mit hiesigen Zutaten fast unmöglich zuzubereiten ist. Im Endeffekt macht Madalena Kartoffelsalat und ich Apfelkuchen. Und zwar in riesigen Mengen, schließlich muss es für viele Schüler reichen. Für mich heißt das Mittwoch und Donnerstagabend: BACKEN was das Zeug hält. Am Ende habe ich zwei Kastenkuchen, einen großen Blechkuchen und ne Menge Muffins.

Freitagmorgen geht’s erst in die Schule, das ganze Essen abladen. Ich bin überwältigt von den Dekorationen und Malereinen, die die Schüler wie aus dem Nichts für ihre Klassenräume hervorgezaubert haben.

Hier alles in Bildern:

Tür zum Klassenraum der Tle D1 stolze Schüler, ausnahmsweise nicht in Schuluniform in dieser Klasse gibt es Chromosomen ;) gute Laune die Schüler dekorieren auch der Frauentag wird gefeiert

Dann ging‘s auch schon wieder ab nach Akwa in die DUCA. Ich habe diesmal auch ein paar Bilder von der Fahrt gemacht, hier ist also Douala:

auf dem Moto im Quartier

perfekte Balance - ein Straßenverkäufer

Das allerschlimmste ist diese Brücke, die man mit dem Moto überquert wenn man zum Collège will. Ich muss jedes Mal wieder Todesängste durchstehen, wenn wir darüberfahren.

In der DUCA ist dann den ganzen Nachmittag Halligalli. Ich glaube, Bilder illustrieren das Ganze sehr viel besser als Erzählungen, hier also noch mehr Augenfutter 🙂

Franzi und ich ganz in rosa Emilienne mit einem Kleid aus.... Krawatten =) Jella singt die Gewinnerin des Profi-Schneider-Contests Amahmata und Mireille verkaufen Taschen und Kleider zum Fraunetag die Jungs müssen im Sportoutfit aufkreuzen die Mädels auch ;) die traditionelle kamerunische Caba eine der Haarkreationen jetzt wird getanzt, die Kleinen ganz groß

Nachdem ihr euch jetzt fleißig durch zwei Streiche gelesen habt, verabschiede ich mich in den langersehnten und wohlverdienten Urlaub! Ich habe nämlich schon wieder Besuch 😉 Die Welt ist schön!

Der erste Streich: Kamerun real – wenn das Leben einen einholt

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Nachdem ihr nun wieder viel zu lange warten musstet gibt es wieder Neues aus Kamerun.

KAMERUN, das kürzlich in allen Medien war und auf das die Welt gespannt blickt.

7 Menschen wurden hier vor drei Wochen entführt, in der Region „extreme Nord“, zwischen Nigeria und Tschad. Genau da wo ich in drei Wochen mit meiner Familie hinreisen möchte. Super.

Wichtig ist vor allem, dass es Europäer waren, Franzosen genauer gesagt. Und auch wenn viele spekulieren, dass es ein islamistischer Vergeltungsschlag gegen Frankreich sein sollte als Rache für den französischen Mali-Einsatz, gaube ich nicht, dass es für mich als Deutsche da oben gerade wesentlich ungefährlicher wäre. Wie haben die Entführer denn bitte wissen sollen, dass die Weißen die sie jetzt mitnehmen wollen Franzosen sind? Französisch Sprechende könnten ja auch aus Belgien oder der Schweiz kommen. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass der Tat ausführliche Observationen vorangegangen sind.

Uns alle hat es erschüttert. Denn auch wenn Kamerun nicht ganz ungefährlich ist, es gibt Raubüberfälle, Vergewaltigungen und sowas, gibt es doch eines kaum: Islamismus. Die Religionen stehen hier gleichberechtigt nebeneinander, es gibt kaum Interreligiöse Konflikte. Und dass die Islamisten aus Nigeria Kamerun benutzen für so eine miese Entführung ist natürlich ein Schlag ins Gesicht für Präsident Paul Biya, der seine gesamte Amtszeit mit allen Kräften versucht hat, Kamerun aus den Medien herauszuhalten, was ihm bis jetzt auch sehr gut gelungen ist.

Hier im Land merkt man eigentlich nicht so viel von der Geschichte. Es ist nicht so präsent wie man es erwarten würde. Die deutsche Botschaft hat selbstverständlich sofort reagiert und eine Warnung rausgegeben.

Und so wurden die schönen Urlaubspläne für uns leider durchkreuzt. Müssen wir wohl mehr Zeit am Strand verbringen. Auch nicht so tragisch.

Jetzt gibt’s eine nettere Story, auch wenn sie von Verrückten handelt. Vorletztes Wochenende ging es für mich mal wieder nach Buea denn ein kamerunisches Event stand an: das Mountain Race!

Für alle die mit der Geographie Kameruns nicht so ganz bewandert sind oder meine vielen Geschichten über Buea noch nicht kennen: diese hübsche Stadt liegt an den unteren Ausläufern des Mount Cameroon, einem noch aktiven Vulkan mit insgesamt 4090 Metern Höhe. Jedes Jahr findet das Mountain Race statt, ein Rennen auf den Berg, und wieder zurück. Dazu muss man sagen, dass es am Berg keinesfalls gemütliche Wanderwege und flache Abkürzungen gibt. Nein, der Weg führt fast konstant gerade und steil den Berg hinauf und beim Anstieg muss man über gefährliche und rutschige Lavakiesfelder laufen, mal ganz abgesehen vom dichten Urwald durch den man sich kämpfen muss. Und das alles rennend zu bewältigen ist für mich immer noch ein Werk der Unmöglichkeit. Jedenfalls haben die schnellsten Läufer die gesamten 8000 Höhenmeter (rauf und wieder runter), für die man normalerweise eine Bergtour von drei Tagen braucht, innerhalb von viereinhalb Stunden bewältigt.

Um sieben Uhr morgens sahen wir sie hochrennen, 750 Verrückte, um 11h30 kamen die ersten wieder runter, um 12h die erste Frau.

Das alles für ein Preisgeld von 3 Millionen Zentralafrikanischer Francs, umgerechnet 4.500€. Für Kamerun schon eine beachtliche Summe, doch wenn man bedenkt dass man den Tod riskiert ist sie nicht mehr ganz so verlockend. In den letzten Jahren gab es immer wieder Erschöpfungstode unter den Teilnehmern.

Der Erste tapfere Läufer der runterkam vom Berg hatte auch tatsächlich weißlichen Schaum am ganzen Körper, was das ist weiß ich zwar nicht, aber ich gehe davon aus, dass es ziemlich ungesund ist.

Gott sei Dank gab es dieses Mal meines Wissens nach keine Toten.

Das ganze Spektakel wurde dann den Rest des Wochenendes rauf und runter im Fernsehen gezeigt, ein wahres Event für das sonst so beschauliche Leben hier.

Über einen Kameruner habe ich mich letzte Woche ganz besonders aufgeregt: unseren Nachwächter Ahman. Wir hatten uns eigentlich wirklich gut verstanden, bis ich beschloss ihm ein paar große Sachen (Handtücher, Fliesjacke, Tischdecke und co.) zum Waschen zu geben, da er sich immer gerne etwas dazuverdient. Also gab ich ihm die Tüte mit den Sachen und fragte ein paar Tage später nach ob er sie schon fertig hätte. Da kam dann zurück: „Hää? Wie? Die Sachen hab ich weggeschmissen. Die hast du mir doch geschenkt!“ Er behauptete steif und fest mich falsch verstanden zu haben, obwohl ich mir ziemlich sicher bin mich gut verständlich ausgedrückt zu haben. Ich war so sauer, und gleichzeitig so hilflos. Dann dachte ich mir, gut, aufregen lohnt sich eh nicht, ich kann ja nix mehr tun. Das habe ich hier in Kamerun wirklich gelernt. Ruhig bleiben 🙂

Was mich eher aufregte war was zwei Tage später passierte: ich kam abends heim und sah Ahman schon im Eingang liegen (er schläft da immer nachts). Irgendeiner Eingebung folgend fragte ich ihn noch einmal ob er noch irgendeine von meinen Sachen hätte. Sehr widerwillig gab er zu er hätte da noch eine Sache. Ich erklärte die würde ich gerne wieder haben. Woraufhin er bejahte, sich aber nicht von der Stelle rührte. Ein scharfes „jetzt“ von mir brachte ihn dann aber doch in Bewegung, er lief zum Hühnerhof nebenan, kramte lange und umständlich herum und brachte dann meine schwarze Fliesjacke zum Vorschein, ordentlich verdreckt. Ob er denn noch was von den anderen Sachen hätte, wollte ich wissen. Er antwortete nur patzig er hätte natürlich nichts mehr, er hätte alles weggeschmissen, es wäre seiner Meinung nach ja auch ein Geschenk gewesen. Ich war so sauer, meinte nur „und wenn, Geschenke schmeißt man ja wohl nicht weg“, damit war die Konversation beendet. Seitdem ist die Stimmung zwischen uns nicht mehr so bombig. Aber ich finde es eine Frechheit noch etwas von meinen Sachen zu haben, und sie mir nicht selbstständig wiederzugeben.

Vorletzte Woche hatten wir das Pech, dass nur in unserer Wohnung der Strom weg war. Erst dachte ich es wäre ein ganz normaler alltäglicher Stromausfall, bis ich abends heim kam in ein erleuchtetes Quartier, nur leider eine dunkle Wohnung. Es ist etwas unpraktisch, weil wir mit dem Stromausfall auch immer gleich einen Wasserausfall haben, da unsere Wasserpumpe mit Strom läuft.

Abends in der Wohnung ohne Strom und Wasser kann man erstaunlich wenig tun, außer schlafen gehen. Alle haushälterischen Sachen, wie waschen, bügeln, aufräumen, fallen weg, duschen leider auch.

Wir dachten, jetzt hätte uns die Stromgesellschaf tatsächlich den Strom abgestellt. Es ist nämlich so, dass wir seit wir hier angekommen sind, schwarz Strom beziehen. Das ist keinesfalls unsere Schuld, wir haben uns um einen Stromvertrag an die Stromgesellschaft AES Sonel gekümmert, die haben längst alles auf dem Schreibtisch. Nur haben sie es immer noch nicht bearbeitet. Seit sechs Monaten haben wir keine einzige Stromrechnung bekommen. Nicht, dass es uns stören würde 😉

Irgendwie traue ich es ihnen aber zu, uns einfach mal den Strom abzustellen, weil sie ja noch kein bisschen Geld von uns gesehen haben.

Jedenfalls meldeten wir unseren Verdacht Pierre, der sich gleich auf zur Sonel machte um das zu klären. Eine Stunde später rief er mich an um zu fragen ob wir einen Zettel von der Gesellschaft bekommen hätten, denn die würden den Strom nicht einfach so abstellen ohne etwas zu hinterlassen. Es müsse wohl ein lokales Problem am Haus sein.

Hups, da haben wir doch glatt die Sonel auf ungute Ideen von wegen Strom abstellen und sowas gebracht, dabei waren sie ganz unschuldig und lieferten uns weiter unbezahlten Strom. Am Nachmittag rief ich dann meinen Mentor an, ob er einen guten Elektriker kennen würde. Er verwies mich an den Vermieter, der für alle Probleme am Haus jemanden haben müsse. Der Vermieter wies mich ungehalten auf unseren Klempner hin, der mache doch immer alles, warum ich denn bitte ihn schon wieder angerufen hätte, wir sollten uns doch selbst um unsere Probleme kümmern. Nett, dieser Vermieter. Wie zu erwarten war unser Klempner aber nicht auch noch Elektriker. Aber er kannte einen, den er uns schicken wollte. Als der dann endlich da war, war die Tageswächterin schon weg und Ahman noch nicht da. Nur leider haben nur die zwei den Schlüssel für den kleinen Raum mit den Stromzählern, wo der Elektriker rein musste. Und der Vermieter. Das heißt ich musste ihn schon wieder anrufen, und durfte mir Beschwerden anhören von wegen „warum muss der denn da rein, ihr habt doch einen Sicherungskasten in der Wohnung, da soll er erstmal nachgucken…. Ach da ist nix?! na dann kann er ja noch im Hof bei den Kabeln gucken“. Schließlich hatte ich ihn soweit, dass er seine Tochter mit dem Schlüssel schickte. Und dann war es fast dunkel. Glücklicherweise hatten wir einen tapferen Elektriker der den Kampf mit den Stromkabeln und –zählern aufnahm und zwei Stunden später hatten wir tatsächlich wieder Strom! Nachdem der arme Kerl das gesamte Kabel ausgetauscht hatte.

Ich danke unseren tapferen Handwerkerkumpels! Gestern musste unser Klempner auch schon wieder ran, obwohl es Sonntag war, denn aus der Pumpe im Hof schoss das Wasser heraus statt zu uns nach oben. Inzwischen sind da schon so viele Teile ausgetauscht, da hätten wir wahrscheinlich auch gleich ne neue Pumpe kaufen können^^

 

So ihr lieben, dieses war der erste Streich, und der zweite folgt so gleich….

Heute gibt’s nämlich zwei Blogeinträge auf einmal 🙂

Von gescheiterten Meerjungfrauen und ganz normalem Alltagswahnsinn

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Hallo ihr lieben Blogleser!

Verzeiht mir die ziemlich lange Wartezeit auf neue geschriebene Post, die sich über die Feiertage und das neue Jahr eingeschlichen hat 😉 Ich werte das als Zeichen dafür, dass ich mich inzwischen wirklich gut eingelebt habe. Ich denke sogar manchmal es ist schade, dass wir im August schon wieder heim müssen, verrückt oder?!

Tatsächlich gibt es mal wieder viel zu erzählen, aber eher ganz viele kleine Schnipsel die sich so angesammelt haben. Ich beginne mal chronologisch bei Weihnachten.

Wir, die sieben EED-Mädels (und eine einsame männliche bessere Hälfte 😀 ), haben ganz gemütlich zusammen bei Franzi zu Hause Weihnachten zelebriert. Morgens begann das für Franzi und mich um 9 Uhr nach nicht allzu viel Schlaf, da wir am 23. abends beschlossen hatten man könnte ja eigentlich nochmal zur weihnachtlichen Stimmung was trinken gehen.

Trotzdem rafften wir unseren Tatendrang zusammen und kämpften uns drei Stunden lang durch diverse Supermärkte, enge Taxifahrten und überfüllte Märkte.

auch beim Bäcker in Kamerun werden Weihnachtsmannmützen getragen

Am Ende waren wir jeder mit mindestens fünf gefüllten Tüten und Taschen versehen und der Aufstieg zu Franzis Wohnung (die strategisch ungünstig auf einem nicht gerade unsteilen Berg liegt) war Leistungssport gleichzusetzen, natürlich auch in Anbetracht auf den Schlafmangel 😉

Aber dann war es geschafft und wir gönnten uns eine kleine Plätzchen und Kakao-mit-Baileys-Pause.

Kurz darauf trudelten auch schon die anderen aus Bamenda, Kumba und Buea ein und wir machten uns ans Werk. Nachmittags gab es Bratäpfel, das sorgte vor allem beim herausschneiden der Apfelkerngehäuse für viel Heiterkeit. Neben Plätzchen wurden an diesem Abend noch original italienische Pizza, Kartoffelsalat und Lasagne (vegetarisch und normal) produziert. Wie ihr seht, an Kohlehydraten hat es uns nicht gefehlt^^

Wir haben sogar Weihnachtslieder gesungen, wobei Einzelne empört feststellten, dass andere bestimmte Lieder nicht kennen, was ja gar nicht sein kann! Die anderen Bundesländer sind schon seltsam, wie kann man denn bitte „Macht hoch die Tür“ nicht kennen? 😀

Sogar die Weihnachtsgeschichte wurde vorgelesen, es war wirklich schön. Und mir ist aufgefallen wie wichtig es ist an Weihnachten mit Menschen zusammen zu sein, die man liebt, da werden

Geschenke ziemlich unwichtig 🙂

Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens löste sich die munter plappernde Mädelsrunde dann auf und wir krochen alle (jeweils zu dritt) in die Betten. Am 25. gab es dann ein ordentliches Weihnachtsfrühstück, mit einem Kilo Crêpes und einem großen Topf Rührei. Hach Leute, das Leben ist schon schön 🙂

Soviel zu Weihnachten. Den Rest der Woche fieberte ich eigentlich nur noch dem Freitag entgegen. Warum wohl?! Wie ihr sicher schon richtig erraten habt, kam am 28. Dezember mein Schwesterherz aus dem kalten Deutschland angeflogen. Nach einem anstrengenden Tag in Douala verzogen wir uns erst mal für  vier Tage an den Traumstrand von Kribi, im Süden Kameruns, wo wir auch sehr entspannt Silvester feierten.

Falls jemand einen richtig guten relaxten Urlaub braucht, und kaum anderen Touristen begegnen will, der komme nach Kribi in Kamerun! Wir hatten fast immer den ganzen Strand für uns alleine, das war der Wahnsinn!

Kribii

Leider muss ich jetzt mal anmerken, dass ich ein gewisses Talent für Verletzungen entwickelt habe, es ist mir schleierhaft warum. Aber es trifft präferiert den rechten Fuß.

Die Geschichte mit dem Bänderriss kennt ihr ja schon.

Naja, jetzt wollte ich eben Meerjungfrau spielen, wie meine Schwester es gerne nennt.

Dazu muss man wissen wie es in Kribi am Strand aussieht. Wundervoller heller Sandstrand, vor dem blauen atlantischen Ozean. Und der Atlantik ist ja für seine ordentlichen Wellen bekannt, damit hatten wir auch immer sehr viel Spaß beim Schwimmen. Die Dinger sind echt enorm.

Der Boden war auf jeden Fall relativ steinfrei bis auf eine hübsche Felsformation ein paar Meter vom Strand entfernt. Und ich beschloss also, mich auf einen dieser Steine zu setzen, um mir den Sonnenuntergang anzuschauen.

Das Meer sah auch gar nicht mal so wild aus gerade. Nur leider vergaß ich, dass da nicht nur Felsen über Wasser sind, sondern auch unter Wasser. Was dazu führte, dass ich mir erst mal kräftig die Zehen an einem scharfen Stein stieß. Nichtsdestotrotz kletterte ich weiter und war fast an meinem auserwählten Felsen als eine Welle mich erst überrollte (da konnte ich mich noch festhalten), mich dann aber mit einer solchen Kraft von den Füßen zog, dass ich einmal komplett über die vielen Felsen gezogen wurde. In diesem Moment schüttete meine armer verletzungsgebeutelter Körper so viel Adrenalin aus, dass ich nicht bemerkte was die Steine mit meiner Haut gemacht hatten. Schließlich erreichte ich auch noch meinen Felsen. Und es sind sogar echt schöne Fotos entstanden. Als Meerjungfrau bin ich trotzdem kläglich gescheitert 😀

in Kribi

Danach schwamm ich noch ´ne Runde, und musste feststellen, dass mein Zeh und meine Beine generell ziemlich weh taten. Als ich aus dem Wasser kam schaute meine Schwester mich auch entsetzt an, da, wie ich zwei Sekunden später feststellte, meine Beine irgendwie blutig waren.

Aber ich hatte mir bloß die Knie aufgeschlagen und die Schienbeine und Zehen  aufgeratscht. Wie gut, liebe Mama, dass du Judith antiseptische Creme mitgegeben hast!

Das schlimme war leider der große rechte Zeh, der wirklich weh tat. Und ich bin wirklich ein eher schmerzunempfindlicher Mensch. Der nette Zeh schwoll dann auch an und wurde über Nacht ordentlich blau. Und ich hatte Angst, dass er gebrochen sein könnte.

mein ziemlich blauer Zeh

Am nächsten Tag ging es eh zurück nach Douala, und wir marschierten gleich ins Krankenhaus. Es war Donnerstagabend und kurz vor uns wurde ein kardiologischer Notfall in die Notaufnahme gebracht. Das bedeutete, dass alles wie ausgestorben war als wir kamen. Eine nette Schwester lotste uns in ein Untersuchungszimmer und kurz drauf kamen zwei junge Frauen herein, die sich als Medizinstudentinnen des vierten Jahres herausstellten. Sie fragten den kompletten Unfallhergang (eh schon schwierig genug auf Französisch), die Krankengeschichte und auch noch was ich denn in Kamerun mache und wie es mir gefalle. Das alles dokumentierten sie sehr genau auf einem Krankenblatt. Dann kam der Medizinstudent aus dem fünften Jahr. Dafür, dass er nur ein Jahr weiter war als die zwei Mädels führte er sich sehr chefmäßig und selbstsicher auf. Und er fragte mich wieder nach dem Unfallhergang und der Krankengeschichte und zudem auch noch nach der Krankengeschichte meiner Familie. Auch er dokumentierte alles fein säuberlich. Er schien den Kompetenzen der beiden jüngeren Studentinnen nicht besonders zu vertrauen.

Dann wurden wir kurz allein gelassen. Zehn Minuten später kam die ganze Truppe mit einer Ärztin und noch mehr assistierenden Medizinstudenten durch die Tür marschiert. Ich muss gestehen ich fühlte mich ein bisschen wie im Zoo. Nur leider war in dem Fall ich die Sehenswürdigkeit. Wundervoll.

Die Ärztin stellte sich interessiert neben mich, begutachtete den Zeh und fragte noch einmal genau das gleiche wie alle anderen vor ihr. Inzwischen hatte ich keine Lust mehr es zu erklären und meinte einfach die nette Medizinstudentin könne es besser darlegen, vor allem auf Französisch. Doch sie wollte es natürlich unbedingt von mir wissen. Also nochmal die Story runterbeten. Dass ich zwischendurch als eine Art Wink an das gesamte anwesende medizinisch ausgebildete Personal immer wieder fragte, wann ich denn geröntgt werden könnte schienen alle beflissentlich zu überhören. Hallo?! Man guckt sich den Zeh an, fragt wie’s passiert ist und dann schickt man den Patienten zum Röntgen. Hoffentlich konnten die ganzen Medizinstudenten wenigstens was dabei lernen^^

Schließlich ging’s dann doch zum Röntgen, wo wir leider auf verschlossene Türen trafen. Nach weiteren zwanzig Minuten traf dann auch der diensthabende Radiologe in unserer lustigen Runde ein. Übrigens wurde darauf bestanden mich vom Untersuchungszimmer im Rollstuhl zum Röntgen zu fahren. Proteste meinerseits wurden mal wieder überhört. Die sind echt gut im Überhören hier^^ Aber dafür war es eine äußerst gemütliche Fahrt 😉

Das Röntgen ging echt schnell über die Bühne und danach versammelte sich die gesamte Truppe vor dem kleinen Bildschirm und fachsimpelte über meine Knochen. Und Gott sei Dank – es war keine Fraktur zu erkennen! Ich wurde mit Schmerzmittel ausgestattet (ich wusste nicht, dass es Ibuprofen und Paracetamol in kombinierter Form gibt!) und dazu angehalten den Fuß generell zu schonen. Was ich zwar nicht so lange durchhielt, aber immerhin ungefähr eine Woche.

Nach dieser einen Woche war mein Geburtstag – der 10.01. – gekommen und ich hatte mich auf einen sehr gemütlichen Tag eingestellt. Morgens wurde ich super lieb von meiner Mitbewohnerin Madalena mit einem Geburtstagskuchen und toller Geburtstagsdeko überrascht; und natürlich einem Ständchen. Ich bin ja immer noch überzeugt sie wird mal eine berühmte Sängerin 🙂

danke liebe mada =)

Am Vormittag in der Arbeit bestach ich dann Pierre, meinen Tutor, mit Geburtstagskuchen, damit er mir den Nachmittag frei gab. Da Pierre Essen liebt war das ein äußerst erfolgreiches Unterfangen 😀

Am Mittag kam ich dann also heim, zog die Schuhe aus, und….. latschte erst mal in eine Glasscherbe. Mit welchem Fuß wohl?! Ich konnte das Ding glücklicherweise in einem Stück rausziehen. Danach blutete meine Ferse als hätte ich mir hier gerade irgendeine lebenswichtige Ader aufgeschnitten. Ich ärgerte mich eigentlich mehr darüber dass ich jetzt das ganze Zimmer würde putzen müssen. Aber wenigstens weiß ich jetzt dass ich keine Durchblutungsstörungen im Fuß habe 😉

Dann rief Hanna an und erklärte sie wäre in Douala und ihr wäre langweilig, ob ich nicht Lust auf ein Eis hätte. Da sagte ich natürlich nicht nein und es wurde ein sehr lustiger Nachmittag. Dann fuhren wir heim und als ich rein kam warteten alle anderen der Douala-Truppe – Mada, Franzi und Michael – mit noch einem Kuchen und Kerzen auf mich und haben gesungen. Das war so süß! Dann haben wir den ganze  Abend Pizza gegessen und Smirnoff Ice getrunken und hatten ’ne Menge Spaß 🙂

Geburtstagsüberraschung am Nachmittag

Seit dem 7. Januar gehen wir wieder zur Arbeit und irgendwie scheint es mir, als ob wir plötzlich viel mehr zu tun hätten. Auf jeden Fall bin ich den ganzen Tag beschäftigt.

Morgens beginnen wir den Tag oft mit einem Omelette- oder Spagetti-Omelette-Frühstück in der Kantine bei unseren drei Kumpels Samuel, Richard und Abraham. Das sind nämlich die Jungs, die die Kantine schmeißen. Mada ist es letztens treffend aufgefallen: eigentlich voll geil, dass in dieser chauvinistischen Gesellschaft drei junge männliche Studenten Essen für die Schüler machen! Wobei Abraham sich weigert etwas zu kochen. Er wäscht lieber ab und verkauft in der Pause Saft auf dem Pausenhof. Dabei singt er meistens laut und führt sich auf wie der neue Star-Tenor Kameruns.

Manchmal gibt es sogar ein Duett zwischen Samuel und ihm zu hören :).

Richard und Sam sind richtige Profis im Omelette machen. Die drei sind ein eingeschworenes Team, ich finde das immer wieder niedlich. Wobei ich ihnen das natürlich nicht sagen darf, das fänden sie wahrscheinlich nicht so lustig^^ Allerdings entwickeln sich immer sehr interessante Gespräche in der Kantine. Einmal habe ich den Fehler gemacht ein paar politische Themen anzusprechen, wobei ich in der Diskussion mit Abraham dann von kamerunischer Politik über Diktatur zum Israel/Palästina-Konflikt und schließlich zu Hitler und seiner „tollen“ Politik gelangt bin. Leider habe ich schon viel zu viele Kameruner getroffen, die der Meinung sind, dass Hitler super war. Er hätte Deutschland viel weiter gebracht und gerettet. Und wenn ich dann mit Konzentrationslagern und Judenverfolgung usw. komme dann kommt als Gegenargument, dass gegenwärtig genauso schlimme Sachen im Kongo passieren würden und es kratzt auch keinen.

Was rechtfertigt das denn bitte?! In ihrer Logik sind sie auch manchmal echt verquer hier.

Letztens kam eine Schülerin zu mir in die Bibliothek (ich hörte gerade iPod) und wollte meinen iPod haben. Sie hat einfach gesagt „Ich will deinen iPod haben, gib ihn mir“, ohne bitte oder sowas^^ daraufhin folgte eine ellenlange Diskussion warum sie denn jetzt nicht meinen iPod haben könnte. Sie erklärte mir sie habe Geburtstag, das wäre doch wohl Rechtfertigung genug. Ich fand das ganze so unverschämt, dass ich erst mal sprachlos war. Außerdem fielen mir keine guten Gegenargumente ein. Am Ende beschränkte ich mich auf ein einfaches „Du kriegst ihn aber nicht, basta.“ Vielleicht nicht ganz so ausgeklügelt, aber schließlich tat es seine Wirkung 😉

Die Story von der Vize-Rektorin kennt ihr ja schon. Der arme Michael hat es sich fürs Erste mit ihr verscherzt, weil er ihr nicht sein MacBook schenken wollte. Das konnte sie einfach nicht verstehen.

Gestern lief ich nach Schulschluss hinter ein paar Schülern her die auf dem Heimweg waren und traute meinen Augen kaum. Da hat ein Siebtklässler einen süßen pinken Schulrucksack mit einem großen „Winnie Pooh“-Motiv mit Herzchen drauf. Das ist nicht das seltsame, viele haben hier solche Sachen. Aber über dem „Winnie Pooh“- Motiv war in großen dicken roten Lettern „AL QUAIDA“ geschrieben. Oh wie wünsche ich mir manchmal meine Kamera her.

Oder auch wenn ich in der Stadt einem Schrank von Mann begegne der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Mamis kleiner Liebling“ trägt.

Und andersrum einem ca. zehnjährigen Mädchen in einem T-Shirt mit dem Schriftzug „LUDER“.

Das schönste Erlebnis bisher war aber als ich mitten in Douala einen großen „Paulaner München“-Lastwagen fahren sah. Mit lauter Bayern in Tracht aufgemalt. Jetzt wisst ihr also auch was mit den ausrangierten Paulaner-Lastwagen passiert 😉

Vorletzten Samstag waren wir Freiwilligen bei einem amerikanischen Ehepaar in Buea zu einem Spiele- und Kochabend eingeladen, den sie einmal im Monat für die Amis, Kanadier, Niederländer und Deutschen in Buea veranstalten, so eine Art Mini-Heimaturlaub. Die Frau ist Dr. Trixy, die ihr ja schon kennt, denn sie leitet das Krankenhaus in Buea in das ich mit meinem Fuß gegangen bin. Ihr Mann, Bill, ist der administrative Leiter der Klinik und schreibt nebenher seine Doktorarbeit über irgendwas Philosophisches. Sie sind wirklich super nett. Auf jeden Fall steuert jeder Gast eine Kleinigkeit zum Essen bei und wir haben Kokosnüsse mitgebracht. Und wer war der Held der die Dinger aufkriegen und schneiden durfte?! Die verletzungsfreudige Feli^^ Also besorgte ich mir einen möglichst großen Stein und zerschlug die Kokosnüsse auf der Veranda. Für alle, denen der innere Aufbau von Kokosnüssen nicht bekannt ist: Die Dinger haben eine unglaublich harte Schale, das ist das erste Hindernis. Das zweite besteht darin, das „Fruchtfleisch“, die Nuss halt, von der hölzernen Schale zu entfernen, an der es ziemlich effektiv dranklebt. Zu diesem Zwecke hatte ich mir ein großes Messer aus der Küche mitgenommen und versuchte jetzt, einzelne Stücke der Nuss herauszuschneiden. Ihr könnt euch wohl denken wie es weiterging oder? Das Ganze endete mit einer fast abgetrennten Fingerkuppe und viel zu viel Blut für so eine kleine Verletzung. Man, Finger und Füße sind aber auch einfach viel zu stark durchblutet. Da ich mich ja in einem Ärzte-Haushalt aufhielt wurde mein Finger gleich profimäßig von Bill zugepflastert. Die Kokosnüsse haben wir dann doch noch mit vereinten Kräften, und ohne weitere Verletzungen, in kleine mundgerechte Stückchen geschnitten 🙂

Letztes Wochenende verbrachte ich mit Hanna und Lea in Buea und Limbe während meine Schwester den Mount Cameroon bestieg.

Dabei geschahen zwei Dinge:

Meine Haare wurden abgeschnitten und ich hatte unglücklicherweise währenddessen meine Füße im Gras.

Zu ersterem: Montag vor einer Woche hatte ich ein Schockerlebnis.

Ich konnte meine Haare nicht mehr durchkämmen. Ich habe eine halbe Stunde mit der Bürste versucht etwas zu retten, aber schaffte gerade mal ein paar Strähnen. Die Dinger sind so schnell so unglaublich verfilzt, dass es mir echt zu viel wird. Lange Haare sind einfach nix für Afrika.

Deswegen mussten sie ab. Das Spektakel fand am Strand in Limbe statt, wo wir uns auf Liegestühle setzten und uns mit Hannas Haarschneideschere gegenseitig neue Frisuren verpassten. Wie die Kameruner geschaut haben^^ Die Haare hab ich aufgehoben, ich will versuchen sie irgendeinem verrückten Händler  zu verkaufen, wurde mir eh schon oft angeboten.

Zu letzterem: Es war ein großer Fehler mich barfuß im Gras aufzuhalten, denn wie sich zwei Tage später herausstellte, fand ein kleiner Parasit meine rechte Fußsohle zum Anbeißen schön.

Ich wunderte mich schon Samstag und Sonntag, warum meine Fußsohle so unglaublich juckte. Sonntag sah ich sie mir dann genauer an und sah eine rote geschwollene Vene die sich ungefähr 5cm über meinen Fuß erstreckte. Ich dachte ich wäre vielleicht gestochen worden und der Stich hätte sich auf die Umgebung ausgebreitet. Am nächsten Abend war die Vene doppelt so lang und schlängelte sich fast bis zum Fußrücken. Hier ein Foto:

Igor

Also beschloss ich am nächsten Tag erst mal ins Krankenhaus zu gehen um das abchecken zu lassen.

Gott sei Dank habe ich ja auch meine liebe Tante, die erstens Ärztin ist und zweitens auch lange in Afrika gelebt hat. Sie hat mir noch am Abend geschrieben, dass das Ding „larva migrans cutanea“ heißt. Also übersetzt eine Larve die sich unter der Haut bewegt (großes Latinum und so 😀 ).

Dienstagmorgen traf ich also bereits um 7h mit meiner Schwester im Hopital General ein, wo ich ja schon mit meinem Zeh war. Erst marschierten wir in die Notaufnahme, dort wurden wir allerdings gleich wieder weggeschickt und von einem jungen Arzt zur Kasse geführt. Hier muss man nämlich immer erst die Untersuchungsgebühren bezahlen bevor man zum Arzt darf. An der Kasse kam die Ernüchterung: auch um 7 Uhr morgens ist der Warteraum im größten Krankenhaus Doualas rappelvoll. Man muss eine Nummer ziehen und warten bis diese aufgerufen wird. Nach einer Dreiviertelstunde kam ich endlich dran, bezahlte meine elf Euro und fragte wo ich hinmüsste. Die Frau hinter der Glasscheibe schien allerdings ein ausgeprägter Morgenmuffel zu sein. Sie zeigte nur vage in eine Richtung und nuschelte etwas Unverständliches. Na gut, das finden wir schon dachte ich mir.

Fünf Minuten  später fanden wir uns in der Gynäkologie wieder, wo die Angestellten ganz erpicht darauf waren mich zu verarzten. Schließlich, nachdem ein paar Missverständnisse aus der Welt geschafft waren, erklärte man uns noch einmal den Weg zur Dermatologie. Nach weiteren 15 Minuten des Herumirrens auf dem riesigen Krankenhausgelände fanden wir schließlich den richtigen Komplex.

Und dort hieß es erst einmal warten. Nach ungefähr einer halben Stunde kam eine Sekretärin und sammelte unsere Untersuchungszettel ein, auf denen bestätigt stand dass wir bezahlt hatten.

Gegen 9h30 wurde ich in das Sekretariat gerufen, wo ich einen Patienteninformationsbogen ausfüllen musste. Die Dame erklärte mir, der Doktor würde mich gleich aufrufen. Schlappe anderthalb Stunden später, um 11h, wurde ich endlich aufgerufen. Der Arzt bedeutete mir vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann führte er noch ein privates Gespräch mit einem Kumpel und wandte sich schließlich mir zu. Als ich ihm meine Fußsohle zeigte holte er sich sein Smartphone und sein Tablet und begann meinen Fuß aus verschiedenen Winkeln zu fotografieren.

Man kann sich vorstellen, dass ich geringfügig irritiert war. Ich fragte also ob es für die Behandlung wichtig wäre den Tatbestand fotografisch festzuhalten, woraufhin der Doktor mir begeistert erklärte er hätte die Tunnel noch nie so ausgeprägt und lang gesehen und er müsste das unbedingt seinen Studenten zeigen. Er unterrichtet nämlich Dermatologie. Normal wären die geröteten Tunnel nur so 4-5cm lang und es sei ein Katzen- und Hundewurm, der eigentlich in den Eingeweiden wohnt, die er aber bei mir nicht findet, weil er nicht auf menschliche Anatomie spezialisiert ist.

Das beruhigte mich natürlich ungemein, so einen aktiven kleinen Wurm in meinem Fuß zu haben. Aber ich war ganz froh, dass er mindestens genauso orientierungslos war wie ich.

Schließlich verschrieb der ziemlich junge Arzt mir zwei Medikamente, wir machten einen Termin zur Nachsorge in zwei Wochen aus und ich versprach, ihm mit seinen deutschen Gebrauchsanweisungen für sein Auto zu helfen (wurde wohl aus Deutschland importiert).

So hatte ich also gute fünf Stunden im Krankenhaus verbracht, und nur eine halbe Stunde bestand aus Interaktionen mit dem Krankenhauspersonal, die mich irgendwie weiterbrachten^^

Übrigens taufte ich meinen kleinen Mitbewohner Igor, weil ich fand dieser Name passt gut zu einem miesen fiesen kleinen Wurm der sich auf der Suche nach meinen Eingeweiden durch meinen Körper gräbt. Inzwischen glaube ich Igor hat das Zeitliche gesegnet oder befindet sich in einem komatösen Zustand, denn er hat seine Route nicht viel weiter ausgebaut und juckt mich auch nicht mehr.

Ich hoffe wirklich mein rechter Fuß wird in nächster Zeit ein bisschen verschont.  Er hat jetzt schon einen Bänderriss, einen geprellten Zeh, eine fette Glasscherbe und einen parasitären Wurm mitmachen müssen. Und das alles in den letzten drei Monaten. Ich finde jetzt haben mein Fuß und ich uns eine kleine Verletzungs-Auszeit verdient!

Nächste Woche geht’s auf nach Kribi zum Zwischenseminar, denn wir sind jetzt tatsächlich schon ein halbes Jahr in Kamerun! Unglaublich oder?

Achja, und eh ich’s vergesse:

Euch allen ein frohes Neues Jahr!

Bonne Année - Frohes Neues! =)

Ein Jahr der Möglichkeiten und Erfahrungen wartet auf euch! Nutzt sie. Bonne Année 🙂

 

Kamerunische Klassenfahrt und Weihnachtszeit am Äquator

Standard

So, nach viel zu langer Zeit wieder ein paar News vom schwarzen Kontinent!

Die Weihnachtszeit ist eingezogen in Kamerun; in den Supermärkten und beim Bäcker tragen die Mitarbeiter Weihnachtsmannmützen und ab und zu begegnet man sogar einem richtigen Weihnachtsmann mit weißem Rauschebart. Das sieht natürlich selten komisch aus, und ich konnte nicht anders als unglaublich lachen als ich meinem ersten kamerunischen Weihnachtsmann bei 35°C auf der Straße begegnete. Hier haben die meisten einen Hang zu Kitsch was darin resultiert, dass man überall Lamettaketten und eklig bunten Plastikweihnachtsschmuck kaufen kann, mal ganz abgesehen von der ständigen Beschallung in den Läden. Das Ganze beschränkt sich jedoch glücklicherweise auf das Geschäftsviertel Akwa, im Rest der Stadt hält es sich in Grenzen. Schön ist es, die ganzen Kinder des Viertels tagsüber Fußball spielen zu sehen, da sie ja Ferien haben. Es kommt noch mal eine ganz neue Art von Leben hierher.

Seit einer Woche haben die Kids Weihnachtsferien, und so natürlich auch wir. Für mich hieß es jedoch letzten Dienstag erst mal auf nach Ndoungue! Das ist ein kleines Dorf bei Nkongsamba, sagt euch jetzt bestimmt viel^^

Dorthin fuhr ich mit dem gesamten Lehrerkollegium meiner Schule im Rahmen eines „Partenariat“, eines alljährlichen Treffens vierer Partnerschulen. Ich erzähl’s euch im Detail 🙂

Es ist Dienstagmorgen, 5h30, mein Wecker klingelt. Uhh, schon jetzt verfluche ich meinen guten Willen den ich gezeigt und meinem Tutor versprochen habe mit auf die Lehrerfahrt zu fahren. In Windeseile packe ich die letzten Sachen ein und bin um 6h an der großen Straße wo ich mich mit Michael, meinem Schweizer Kollegen treffe. Zusammen schnappen wir uns ein Taxi und sind schließlich pünktlich um 6h30 am Collège. Mit ungefähr fünf anderen. Na toll, Black Man Time. Inzwischen sollte ich es doch gelernt haben, oder? Nach und nach trudeln immer mehr Gestalten im blau-weißen Jogginganzug mit dem aufgenähten Logo des Collège Evangélique de New Bell ein.

alle im New Bell-Anzug

So einen habe ich auch, und es ist echt lustig, dass sogar unser Bibliothekar Monsieur Febessi, der sonst meist Anzüge trägt plötzlich im viel zu weiten Jogginganzug auftaucht.

Monsieur Febessi, der Bibliothekar und mein Chef

Anderthalb Stunden später, um 9, haben wir es tatsächlich geschafft uns alle in den altersschwachen Reisebus zu setzen und loszufahren. Die nächste Stunde kämpfen wir uns mit unserem unbeweglichen Gefährt durch den Stau von Douala, ein immerwährendes Übel dieser riesigen Stadt. Ordentlich durchgerüttelt und geschüttelt geht es danach auf den freien Straßen nördlich von Douala weiter, zwischen Plantagen, Palmenwäldern und kleinen Dörfern hindurch. Dieser Teil der Reisen hier ist mir immer am liebsten, die Landschaft ist jedes Mal wieder faszinierend. Gegen 11 biegen wir in einen staubigen Weg ein, vor dem ein Schild mit der Aufschrift „Afrikanisches Institut für Bananenforschung“ steht. Interessant, von Bananenforschung hat mir niemand was erzählt. Nach 500 Metern kommen wir zu einem hübschen Backsteingebäude wo der Bus umständlich wendet und alle Businsassen hinausströmen um sich zu strecken. Was wir hier machen ist mir zwar nicht so klar, aber es ist gut sich etwas bewegen zu können. Auf einmal kommt Michel, der Fahrer unserer Schule und erklärt mir ich solle in den Bus gehen und den anderen Frauen beim Essen machen helfen. Da ich etwas stutzig reagiere hilft er nach „Du bist eine Frau, geh arbeiten“. Okee, ich bin so verwirrt, dass ich erst mal in den Bus gehe und nachschaue was da so los ist. Und tatsächlich, alle Lehrerinnen die dabei sind, ca. 7 (hier gibt es mehr männliche Lehrer als weibliche) sind fleißig dabei auf der Rückbank Sandwiches zu schmieren, sie in Alufolie einzuwickeln und zusammen mit einem kleinen Lunchpaket in einer Plastiktüte zu verstauen. Ich werde gleich eingespannt. Was mich am allermeisten erstaunt, ist dass sie es alle ganz selbstverständlich tun. Ist doch klar, dass die Frauen den Männern das Essen machen.

Relativ schnell geht die Fahrt weiter, diesmal zu einem Komplex aus mehreren Lagerhallen, einer „Aufzuchtstation“ für Bananensetzlinge.

Bananensetzlinge

Dort kriegen wir eine kleine Führung und fahren schließlich in die Plantagen um uns die riesigen Bananenstauden aus der Nähe anzuschauen.

ganz schön groß, diese Bananenstauden

Für all das nehmen wir uns eine Menge Zeit, und umso erstaunlicher finde ich es, als wir wieder in den Bus steigen, nach fünf Minuten beim Anfangsgebäude rausgelassen werden und jeder innerhalb von fünf Minuten eine Cola trinken soll. Und es sind wirklich nicht mehr als 5 Minuten. Der Direktor steht draußen und drängt alle wieder einzusteigen, weil wir ja schon längst in Ndoungue sein sollten. Also echt, da brauchen wir anderthalb Stunden um überhaupt loszufahren, nehmen uns zwei Stunden Zeit um eine Bananenplantage zu besichtigen und dann darf man nicht mal in Ruhe was trinken?! Die spinnen die Kameruner 😀

Beeindruckend ist auch, wie alle meine Kollegen diesen halben Liter koffeinhaltigen Flüssigzucker mühelos hinunterkippen, als wäre es Wasser. Man muss dazu sagen, hier in Kamerun hat alles ungefähr den doppelten Zuckergehalt wie in Deutschland, das ist sogar mir zu süß^^ Ich jedenfalls scheitere nach einer halben Flasche und überlasse den Rest einem meiner Kollegen, der es gerne übernimmt.

Jetzt geht es endlich in Richtung unseres eigentlichen Ziels: Ndoungue. Gegen zwei Uhr haben wir das Gelände erreicht, das mich stark an eine altmodische deutsche Jugendherberge erinnert. Längliche Gebäude mit lauter kleinen rechteckigen Zimmern, in denen jeweils zwei wackelige Stockbetten stehen. Diese sind mit einem langen Stück Schaumstoff ausgerüstet, der provisorischen Matratze. Laken und Decke hätte man selbst mitbringen müssen, schade dass mir das niemand gesagt hat^^

die ältesten Damen des Collèges, zwei sehr liebe

Ich bin im Zimmer mit der Vizerektorin, einer anderen älteren Dame, vor der man Respekt haben muss und der netten Krankenschwester Chantal. Ihr müsst wissen, in einer Institution wie unserem Collège gibt es eine strenge Hierarchie. Der Direktor ist einem König gleichzusetzen. Alles was er sagt ist gut und richtig, man steht auf sobald er den Raum betritt und man muss ihm eine Menge Respekt erweisen. Gleich danach kommen die Vizerektoren, davon haben wir drei. Die beiden Männer sind wirklich nett, nur die Vize-Rektorin ist ein bisschen komisch. Man könnte sagen, die Macht ist ihr zu Kopf gestiegen^^

Ich demonstriere euch das mal an einem Zwischenfall, der sich ereignet als wir Zimmergenossinnen auf den Betten sitzen und uns ein bisschen unterhalten:

Vizerektorin: Felicité, du hast aber schöne Ohrringe. Schau mal, ich hab meine verloren (zeigt mir ihr Ohrläppchen), gib mir doch mal deine.

Feli (ein bisschen verwirrt, ist das ein Scherz?!): ähm ja, wenn Sie wollen.

Dann lassen wir das Thema allerdings fallen und ich tue einfach so als ob ich gespannt das Gespräch verfolge.

Nach zehn Minuten:

V-R: Ich warte immer noch auf die Ohrringe Felicité.

F: Oh, stimmt. (Ich gebe ihr die Ohrstecker, und hoffe dass sie sie nur für den Abend haben will.)

Sie trägt die Ohrringe fleißig, den Abend, am nächsten Tag und ich mache mir ein bisschen Sorgen, weil ich eigentlich schon weiß, dass sie das nicht als Ausgeliehen aufgefasst hat, obwohl ich mir das wünschen würde. Am nächsten Abend sind wir zufällig zu zweit im Zimmer, ich nehme all meinen Mut zusammen und sage:

Kann ich bitte die Ohrringe wiederhaben, die waren ein Geschenk meiner Mutter und die will, dass ich sie trage. (Eine glatte Lüge, aber das Mutter-Argument ist das einzige was immer zieht bei den älteren Frauen hier.)

V-R: Wie, das war doch ein Geschenk! Das kannst du doch nicht einfach so zurückfordern!

F: Ja, tut mir leid, meine Mutter…

Schließlich gibt sie mir die Stecker.

Aber eine heikle Situation war das schon, sich der Vize-Rektorin einfach so entgegenzustellen. Nur wie dreist ist es eigentlich von jemandem zu sagen „Oh, das ist schön, gib mir das“, und es dann als Geschenk darzustellen?!

Ok, wieder zurück an den ersten Tag, Dienstagnachmittag, wir sind angekommen und sitzen jetzt mit allen anderen Kollegen der drei Partnerschulen (Foumban, Nkongsamba, Ndoungue) im großen Speise-/ Versammlungssaal. Anfangsgottesdienst. Zwei Stunden lang werden die Rektoren und Vizerektoren aller vier Schulen vorgestellt und jeder hält eine Rede, dann noch beten, singen, und ich bin erledigt. Auf dem Programm stehen noch „kultureller Abend“ bis 23:30h und am nächsten Tag „Morgensport“ um 5h30… wie gut, dass ich noch meine Schiene habe und sportunfähig bin 😉

Auf das Abendessen müssen wir leider zwei Stunden warten, werden dann aber mit leckeren kamerunischen Gerichten und großer Getränkeauswahl belohnt. An das Warten habe ich mich ja gewöhnt, aber vor dem Essen.. das ist schon fies. Statt kulturellem Abend gibt es einfach nur noch nettes Beisammensein, und ich verabschiede mich schnell ins Bett. Es ist schon Ewigkeiten her, dass ich oben in einem Stockbett geschlafen habe!

Mit Schlafen ist aber leider noch nicht so viel, weil die anderen drei Frauen ungestört laut quatschen und rumräumen und ich auch nur einen Meter von der grellen Deckenleuchte entfernt bin.

Schließlich klappt es doch noch, und am nächsten Morgen werde ich gleich wieder so geweckt wie ich am Vorabend einschlafen durfte: Von den kräftigen Stimmen meiner Zimmergenossinnen. Ich schaue auf mein Handy, 6h, viel zu früh. Nach weiteren unruhigen 20 Minuten Schlaf gebe ich es auf und mache mich verpennt auf den Weg nach draußen zum Gemeinschaftsbad.

Es ist eine Sensation! Mir ist tatsächlich kalt 🙂 Ein Umstand der mich erfreut, da ich seit vier Monaten jeden Morgen vollkommen verschwitzt aufwachen durfte, nicht das allerschönste Gefühl.

Doch Ndoungue ist höher gelegen als Douala und es ist regelrecht kühl morgens. Wunderbar.

Noch eine Sache die mich an diesem Morgen freut ist dass ich inzwischen sogar im ziemlich verschlafenen Zustand ein Gespräch auf Französisch führen kann. Dem entgeht man hier nämlich nicht, so viele Kollegen wie einem alleine auf dem Weg zur Toilette begegnen^^

Der Tag beginnt mit Warten. Womit auch sonst?! Wir warten geschlagene zwei Stunden auf unser Frühstück, das im Endeffekt nur aus wässrigem Kakao oder Kaffee und einem halben Baguette pro Person besteht. Dafür futtern die Kameruner schon vor dem Frühstück jede Menge Yams. Das ist eine braune Wurzel, die kartoffelähnlich schmeckt. Jetzt weiß ich endlich was in den riesen Säcken drin war die wir hinten im Bus mit uns rumkutschiert haben 😀 alle laufen mit gekochten Yams-Wurzeln in der Hand rum und lassen die Pellen da fallen wo sie gerade gehen und stehen. Ein weiteres Phänomen hier in Kameruner: jeder schmeißt seinen Müll einfach in die Landschaft. Egal ob biologisch abbaubare Obstschalen, Plastikverpackungen und -tüten oder Batterien, am Straßenrand von Douala findet man alles was das Herz begehrt…. Sogar auf der Bananenplantage hat einer meiner Kollegen seine Plastik-Lunchverpackung mitten zwischen die Stauden geworfen. Wenigstens erntete er danach den Protest der Mitreisenden.

Nach dem Frühstück gibt es einige Ansprachen, dann werden wir in Arbeitsgruppen eingeteilt, die zukünftige Pläne auf verschiedenen Gebieten (Finanzen, Kultur etc.) für die Gemeinschaft erarbeiten sollen. Ich bin im „Atelier Social“ und darf darüber diskutieren wie hoch der Jahresbeitrag pro Person in die Gemeinschaftskasse sein soll. Das Ganze fungiert nämlich als eine Art Sozialversicherung, wie ich herausfinde. Alle Mitarbeiter der vier Schulen zahlen jährlich ein paar Euro in eine Kasse, aus der dann bei Krankheits- oder Todesfällen ein gewisser Betrag an das betreffende Mitglied oder seine Familie ausbezahlt wird. Genauso wenn jemand in den Ruhestand geht. Ich finde das eine gute Lösung um sich hier abzusichern. Denn Unfälle und Krankheiten gibt es hier wahrlich genug. Und hohe Arztkosten dazu.

An der Entscheidung über die Höhe dieses Jahresbeitrages und anderen sozialen Entscheidungen arbeiten wir also bis zum Mittagessen. Danach wird per Los eine andere wichtige Entscheidung gefällt: wer wird beim jährlichen Fußballmatch gegen wen antreten? Wir (New Bell) ziehen Foumban, und es herrscht eine generelle Vorfreude und Aufbruchsstimmung. Alle ziehen sich ihre jeweiligen Schultrikots an und los geht es zum „Stadion“, einer schlecht gemähten Wiese mit zwei Holztoren ohne Netz. Dort herrscht schon bald eine Stimmung als würde die Nationalmannschaft spielen. Die Spieler unserer Mannschaft sind seehr wichtig und wärmen sich profimäßig auf, während die Teams von Nkongsamba und Ndoungue schon gegeneinander spielen, komplett mit Fallrückziehern und gekonnten Kopfbällen. Ein kleines Spektakel 🙂

Team New Bell

Am Ende gibt es unter eifrigem Gebrüll der Zuschauer ein großes Finale zwischen New Bell und Ndoungue. Schließlich holt Ndoungue sich den großen Partnerschafts-Pokal mit einem verdienten Heimsieg. Meine Jungs sind ein bisschen geknickt. Sie hatten die letzten zwei Jahre in Folge gewonnen, und wenn man drei Jahre hintereinander gewinnt darf man den Pokal behalten. Aber sie nehmen es sehr sportlich und wir alle machen uns wieder auf den Weg zurück zur Herberge wo ein großes Lagerfeuer entzündet wird. Auf das Abendessen müssen wir leider wieder zwei Stunden warten, aber wenigstens verbringe ich diese zwei Stunden in sehr netter Gesellschaft meiner jungen Partnerlehrer aus Foumban 🙂

Der Abend klingt sehr nett mit gemütlichem Beisammensein und lustigem Tanz am Lagerfeuer aus.

Nach einer kurzen Nacht ist mir am nächsten Morgen ein bisschen zu kalt, trotzdem stelle ich mich bibbernd unter die Eiswasserdusche draußen im Bad.

Trocken gerubbelt und angezogen schaue ich mich auf dem Gelände um und entdecke, dass das Lagerfeuer immer noch ein bisschen brennt und sich schon eine Gruppe frierender Lehrer darum gesetzt hat.

entspanntes Lagerfeuer

Ich geselle mich zu ihnen und lerne gleich das „afrikanische Dorfleben“ kennen wie man mir erklärt. Es werden Maiskolben und Süßkartoffeln in der Glut geröstet und ich führe ein sehr interessantes Gespräch mit meinem neuen Kumpel Pierre aus Foumban. Der hat nämlich erst gefragt ob wir Freunde sein können, worauf ich lachend bejaht habe. Und jetzt erklärt er mir er hoffe doch sehr, dass ich ihm auch treu bleiben werde wenn ich wieder in Douala bin. Worauf ich ihm erkläre, dass er wohl die Definition von Freundschaft falsch verstanden habe. Daraufhin entbrennt eine Diskussion über Freunde und „Freunde Freunde“, Ehe und schließlich die Rolle der Frau in Gesellschaft und Ehe. Etwas worüber ich mich immer wieder gerne mit kamerunischen Männern unterhalte. Pierre geht schließlich so weit, so zu tun als ob wir verheiratet wären und möchte wissen was ich denn dann meiner Meinung nach für Rechte hätte 😀 Diese Männer…

Nach dem Frühstück, heute gibt es noch Bohnen zum wässrigen Kakao und Brot dazu, haben wir Abschlussgottesdienst. Danach gibt es gleich ein verfrühtes Mittagessen, das erste pünktliche hier(!), und dann ist schon Abreise. Ich denke mir es wird eh wieder ewig dauern bis wir loskommen und nehme mir erst mal viel Zeit um meine neuen Freunde aus Foumban zu verabschieden. Sie steigen gerade in ihren kleinen Bus, als die gesamte Douala-Legion vollbepackt an mir vorbeizieht. Eine der Lehrerinnen ruft mir zu „Ou est ton sac? On va te laisser à Ndoungue!“ (Wo ist dein Rucksack? Wir werden dich noch in Ndoungue lassen!). Daraufhin beeile ich mich sehr meinen glücklicherweise schon fertig gepackten Rucksack aus dem verwaisten Vierer-Zimmer zu holen. Wie haben meine Zimmergenossinnen so schnell ihre überall verteilten Sachen einpacken können?!

Mit dieser Frage muss ich mich später beschäftigen, denn jetzt heißt es erst mal so schnell wie möglich den holprigen Pfad entlang meiner Reisegruppe nachlaufen. Mit einem geschienten Fuß gar nicht so einfach. Aber ich erreiche Gott sei Dank relativ schnell das Ende der Kolonne, wo eine nette Lehrerin mit einem riesigen Sack auf dem Kopf ganz entspannt den Weg entlang läuft. Die Sachen auf dem Kopf zu tragen ist übrigens echt genial! Und gar nicht so schwer. Und Rücken schonend dazu 😉

Am Bus angekommen wird bereits alles verladen und auf geht die Fahrt. Wahnsinn, wie schnell die sein können! Ich habe das Gefühl sie wollen alle dringend nach Hause, schließlich sind ja eigentlich Ferien. So folgt eine entspannte Fahrt nach Douala, wo ich nach vier Stunden aus dem Bus wanke und mich von einem Motofahrer heimfahren lasse. Jetzt erst mal den Schlafrückstand der vergangenen Tage aufholen!

Das war also meine kamerunische Klassenfahrt 🙂 ein kulturelles Erlebnis der anderen Art!

Dazu möchte ich noch kurz anmerken, dass der Gruppenzusammenhalt der Kameruner wirklich bemerkenswert ist. Auf dieser Fahrt waren nicht nur Lehrer dabei wie man vielleicht denken könnte, sondern auch der Mann, der täglich in der Schule putzt, und auch die Leute die für die Aufsicht und Disziplin zuständig sind. Hier wird niemand ausgeschlossen!

Noch was Kleines habe ich für euch: Schwimmen. Das ist eine Kunst mit der man die Kameruner ganz ehrfürchtig beeindrucken kann. Ganz einfaches Brustschwimmen.

Ich erlebe es im Moment fast täglich, denn ich habe bei uns in der Nähe ein schönes Sportschwimmbad entdeckt, in dem man noch bis 21 Uhr schwimmen kann. Es tut unglaublich gut ein bisschen vom Großstadtlärm wegzukommen und dazu noch Sport zu treiben! Inzwischen kennen mich dort auch die Mitarbeiter schon mit Namen, was allerdings nicht schwer ist, so wie ich als weiße Frau hier auffalle^^ Vor allem im Schwimmbad, denn dort sind fast nur Männer. Das Lustige ist, dass die meisten kaum schwimmen können; wenn dann nur im Hunde-stil, also versuchen sie wild mit Beinen und Armen strampelnd vom Fleck zu kommen und gleichzeitig nicht unterzugehen. Deshalb habe ich den Schwimmerbereich oft für mich alleine, denn die anderen sind im angrenzenden Nichtschwimmerbecken und versuchen die Kunst der Fortbewegung im Wasser zu lernen. Ich schwimme meistens ganz entspannt meine Bahnen, und sobald ich an einem Ende ankomme werde ich sofort gefragt wie ich es anstelle zur anderen Beckenseite zu kommen ohne unterzugehen und wo ich gelernt hätte so gut zu schwimmen. Und ja, sie alle sind beeindruckt und wollen natürlich unbedingt von mir schwimmen lernen statt von den Schwimmlehrern des Schwimmbads. Natürlich wird man pausenlos blöd angemacht und genervt, aber inzwischen habe ich mich so gut es geht daran gewöhnt und kenne schon tausende gute Ausreden warum ich nicht meine Nummer hergeben oder mit jemandem etwas trinken gehen kann. Am liebsten erzähle ich immer noch ich hätte schon drei Ehemänner und einfach keine Zeit mehr für irgendwen anders weil es mit den dreien schon anstrengend genug ist. Die sprachlosen Kameruner zu sehen, die sonst immer einen coolen Spruch auf den Lippen haben ist einfach das Beste 😀

Mit einem habe ich mich allerdings angefreundet: mit dem Bademeister und Schwimmlehrer Hassan. Ein riesen Kerl, der im Schmetterlingsstil eine Bahn innerhalb von ein paar Sekunden schafft, und sich mit den ganzen Schwimmanfängern ein bisschen langweilt. Er hat mich anscheinend als neues Trainings-Projekt akzeptiert, denn er erklärt mir immer was und wie viel ich schwimmen muss. Erst einen Kilometer, dann zwei, dann drei, er will dass ich fünf schaffe.

Heute waren wir beide allerdings erkältet und er hat Gnade walten lassen. Ich bin einen Kilometer geschwommen, dann noch zehnmal diagonal und 20-mal quer hin und her.

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass es in Ndoungue doch ein bisschen zu kalt für mich war. Jedenfalls habe ich mir eine Mörder-Erkältung eingefangen und lag gestern den ganzen Tag flach. Und das bei dreißig Grad Außentemperatur. Das Schicksal hat schon seltsam ironische Scherze drauf^^

Das war es soweit mal wieder von mir. Morgen am 24. Dezember werde ich zum ersten Mal im Leben an Weihnachten nicht in die Kirche gehen. Schon seltsam so ganz ohne Krippenspiel.

Aber es wird sicher ein wundervoller Abend! Wir sieben Mädels vom EED feiern alle zusammen hier in Douala mit großem Buffet und Wichtelgeschenken. So kriegt jeder ein Geschenk 🙂

Morgen früh geht es dann erst mal einkaufen und dann wird den ganzen Tag gekocht, gebacken und Spaß gehabt! Ich bin sehr froh über meine Ersatzfamilie hier in Kamerun. So ganz ohne Menschen die man liebt wäre Weihnachten doch auch nicht Weihnachten.

Hier also danke an Franzi, Madalena, Hanna, Birte, Anki und Lea, ihr seid wirklich toll!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen da draußen einen wundervollen Weihnachtstag und tolle Festtage!

Und hoffe dass ihr alle mit Menschen zusammen seid die ihr liebt 🙂

Joyeux Noël – Merry Christmas – Frohe Weihnachten !

merry-christmas-cameroon

P.S.: Silvester werde ich übrigens am karibischen Sandstrand von Kribi verbringen. Mit einem Gast den ich schon seit Monaten sehnsüchtig erwarte =) Guten Rutsch!!!

Eine kamerunische Hochzeit und eine (fast) aussichtslose Situation

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Guten Abend liebe fleißige Blogleser 🙂

Nach meinem letzten doch etwas niederdrückenden Blogeintrag kriegt ihr jetzt eine weitaus fröhlichere Geschichte: die Hochzeit von Georges und Agathe!

Vorab ein paar Infos für’s bessere Verständnis: Georges ist ein Arbeitskollege von Franzi bei DUCA (donner une chance à l’avenir – der Zukunft eine Chance geben), wo Madalena und ich auch unseren Nähkurs machen. Wir kennen ihn zwar nur flüchtig, aber er hat uns trotzdem zu seiner Hochzeit am 1. Dezember eingeladen, die von der gesamten DUCA-Belegschaft gespannt erwartet wurde.

Alles fängt eigentlich zwei Wochen vor der eigentlichen Feier an. Wir müssen den Hochzeitsstoff kaufen, aus dem sich jeder Gast ein Gewand schneidern lassen sollte, damit wir als eine Gemeinschaft auf der Hochzeit auftreten. Die Gäste der Braut haben auch ihren eigenen Hochzeitsstoff, sodass man sehr gut erkennen kann wer von welcher Seite kommt.

Ich gebe meinen Stoff vertrauensvoll meiner Schneiderin Lydie, die einen kleinen Laden in unserem Viertel betreibt und mir auch ein Abendkleid für das Fest schneidern wird.

Dann ist Freitag der 30. November gekommen, der Tag vor dem großen Ereignis. Freitagnachmittags habe ich immer meinen Nähkurs in der DUCA, das heißt ich bekomme alles hautnah mit. Als ich ins Atelier de Couture (Näh-Atelier) komme finde ich nur die Lehrlinge vor, nicht aber die zwei lehrenden Schneiderinnen Emilienne und Mado. Auf Nachfrage wird mir gesagt, dass sie sich im „Salon“ befinden. Damit ist der neu eröffnete Friseursalon der DUCA gemeint. Neugierig gehe ich hinüber, schiebe mich durch die Stellwand aus Bast und sehe alle vier Stühle besetzt. Darauf sitzen Emilienne, Mado und zwei andere Kolleginnen, die allesamt von den Friseurinnen umwuselt und geschmückt werden. Kunstvolle Flechtfrisuren türmen sich auf den Köpfen auf, Kunsthaar wird eingesetzt und Nägel lackiert. Ich gehe zu Emilienne, die sich gerade nicht bewegen kann weil ihr die Fingernägel an beiden Händen gleichzeitig lackiert werden. Die Füße hat sie von sich gestreckt, damit der frische blaue Nagellack trocknen kann und nicht verwischt. Ein ziemlich komisches Bild 😀 Sie begrüßt mich erfreut und fragt mich gleich, wann ich denn auch komme um mich für morgen hübsch machen zu lassen. Hihi, die Idee mich in einem Friseur-/Schönheitssalon fertig machen zu lassen war mir bisher gar nicht gekommen. Ich rede mich schnell aus der Sache raus, schließlich bin ich ja hier um an meiner Tasche weiterzunähen. Das tue ich dann auch, immer unterbrochen von kleinen Abstechern in den Salon zu Emilienne oder in die Küche zu Mado (sie ist auch Bäckerin), die sich inzwischen dem Kuchenbacken zugewendet hat, um zu fragen wie ich jetzt am besten die Henkel und den Reißverschluss annähe.

Als ich gegen fünf fertig bin für heute, herrscht noch hektisches Wuseln in der Organisation, die um diese Zeit eigentlich schon fast verlassen ist. Auf dem großen Esstisch wird ein riesiges Paket bunt verpackt, eine Mikrowelle für das Brautpaar, wie ich erfahre. Mado und Marie-Francoise (die Köchin/Bäckerin) tragen immer mehr Kuchen hoch, es müssen um die zwanzig sein.

Wow, das scheint ja ein echtes Event zu werden morgen, denke ich mir. Jetzt geht’s erst mal heim, ausruhen und Kleider anprobieren.

Der nächste Tag hat drei wichtige Programmpunkte: um 9h die standesamtliche Trauung, danach um 14h die kirchliche Trauung. Schließlich ab 20h das Fest mit Essen und Tanz. Uns wurde von mehreren Seiten gesagt wir müssten uns auf einige Warterei gefasst machen und morgens etwas zu essen und zu trinken mitnehmen. Am nächsten Morgen dann lassen wir uns auch reichlich Zeit, sogar wir beherrschen mittlerweile das Prinzip der Black-Man-Time (siehe Eintrag Bamenda) 😉 und kommen erst gegen 10 Uhr an der „Mairie Logpom“ an. Natürlich in unseren Kleidern aus dem offiziellen Hochzeitsstoff.

wir drei Mädels im Hochzeitsstoff

Es sind auch schon einige Gäste da, aber bei weitem noch nicht alle. Wir kriegen noch ganz gute Plätze, warten allerdings noch eine Stunde bis sich gegen 11 Uhr langsam etwas tut. Der Bräutigam läuft die ganze Zeit nervös von einem Raum in den anderen, von der Braut fehlt noch jede Spur. Schließlich ist es dann jedoch so weit: nachdem der Trauzeuge ein paar Worte gesagt hat, kommen Georges und Agathe Arm in Arm den Gang durch die Mitte des Raumes entlanggelaufen. Der Lärm der jetzt entsteht ist unvorstellbar. Man hat das Gefühl sich auf einem Teenie Popkonzert zu befinden, die Frauen im Saal schreien, kreischen und pfeifen wie wild beim Anblick der Braut.

Dann folgt eine Rede des Beamten der die beiden trauen soll, und bei fast allen bekannten Sätzen wie: „bis dass der Tod euch scheide“ usw. rufen die Frauen im Saal mit; sie können echt fast alles auswendig. Interessant finde ich, dass der Typ erklärt, dass es drei wichtige Ereignisse im Leben gibt: die Geburt, die Hochzeit und den Tod. Und dass die Hochzeit das einzige Ereignis ist, dass man selbst aktiv mitgestalten kann, und sie deswegen so prachtvoll und festlich wie möglich ausfallen sollte.

Und das stimmt tatsächlich. Hier in Kamerun ist die Hochzeit das wichtigste Event im Leben. Viele Paare sparen jahrelang auf eine möglichst große und aufwendige Hochzeit hin. Gleichzeitig wird natürlich gerade das von Freunden und Familie erwartet: wenn man auf eine Hochzeit eingeladen wird sollte diese einen gewissen Standard haben, denn es muss ja gebührend gefeiert werden!

Zurück zu Georges Raoul und Agathe Michelle. Bei allen Aktionen feuert das Publikum sie fleißig an: erst heißt es „Küsst euch küsst euch küsst euch“, dann „die Ringe die Ringe die Ringe“ und dann herrscht einfach nur einstimmiges jubelndes Geschrei als die beiden ihre Hände mit den Ringen hochstrecken, so dass alle sie sehen können.

Was ich sehr lustig finde ist als der Standesbeamte erklärt, die Ehe wäre Arbeit. Und diesen Arbeitsvertrag würden auch viele sehr wichtige Leute eingehen: Obama und Michelle (da hat er seltsamerweise nicht Barack gesagt), Nicolas und Carla und natürlich auch Paul und Chantal (Paul Biya, der kamerunische Präsident). Diese Paare wären ein Vorbild für alle anderen usw.

Schließlich schreitet das Brautpaar durch die wild rufende und feiernde Menge hinaus und wird natürlich standesgemäß mit Reis beworfen.

Die Gäste zerstreuen sich alle auf die Straße, und wir werden in einen großen Pickup-Truck gelotst, auf dessen Ladefläche die gesamten DUCA-Leute während der Fahrt ein bisschen Wirbel machen. Nur die älteren Frauen fahren im Wageninneren mit. Und ich. Ich will zwar erst auch hinten mit Franzi und Mada auf die Ladefläche klettern, aber Mado (die mindestens einen Kopf kleiner ist als ich) versperrt mir empört den Weg, und erklärt ich würde mich natürlich nach innen setzen, der Fuß dürfe auf keinen Fall belastet werden. Und wenn eine ältere Afrikanerin das mit ihrem ganzen Stolz sagt, dann widerspricht man lieber nicht wenn einem das Leben lieb ist 😉

Und auf geht die Fahrt, aber nicht in Richtung Kirche so wie ich dachte, sondern zum Elternhaus der Braut. Dort ist ein Zelt aufgebaut, mit Plastikstuhlreihen darunter, und es setzen sich erst mal alle hin. Jetzt dauert es wieder seine Zeit, aber nach und nach werden Gläser hinausgebracht, dann Getränke und schließlich gibt es sogar ein Buffet mit kamerunischem Essen. Uns allen wird Palmwein eingeschenkt. Das ist sozusagen das Ur-traditionelle Getränk der Kameruner. So wie das Bier für die Bayern 😉 Allerdings schmeckt Palmwein doch ein bisschen gewöhnungsbedürftig für den Nicht-Kameruner, etwas sauer und leicht angegoren.

Das Ganze dauert dann wieder mit viel Warterei mehrere Stunden. Dann um viertel vor drei werden wir wieder in den Pickup geladen und auf geht es zur Kirche. Die ja eigentlich schon um zwei hätte beginnen sollen.

Die Kirche ist wirklich schön. Ein noch nicht fertiggestellter Rohbau, aber wunderschön mit Blumen und Satinbändern geschmückt.

Kirche

Da es noch keine Kirchenbänke gibt sitzen wir auf Plastikstühlen und warten mal wieder, denn der Raum ist noch ziemlich leer.

die DUCA-Gruppe, vorne in der Mitte meine Nählehrerin Mado

Innerhalb der nächsten Stunde füllt er sich aber nach und nach und schließlich und um kurz nach vier beginnt endlich der Gottesdienst.

Es wird eine Menge Aufsteherei und wieder Hinsetzerei, die ich irgendwann nicht mehr mitmache weil mein Fuß sich beschwert. Dafür ernte ich zwar einen bösen Blick vom Pastor, da wir relativ weit vorne sitzen, aber was soll’s, profitiere ich halt mal von meinem Krüppel-Dasein^^

Die Prozedur ist ähnlich wie in der Mairie, mit Ehegelübde und Ring-an-den-Finger stecken und so weiter. Was ich unglaublich finde, ist, dass Agathe doch tatsächlich erklären muss, dass sie immer eine unterwürfige Frau und ihrem Mann eine Dienerin sein wird. What the fuck?! Sie tut das auch als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt. Hmm, da sieht man mal wieder die kulturellen Unterschiede. Und nur so nebenbei, selbst die Kameruner, die sich für die Rechte und Entwicklung der Frau einsetzen sind allesamt der Meinung, die Frauen seien ganz allein schuld an ihrer Lage und dem Bild, das man von ihnen hat. Und dass sie sich durch harte Arbeit und Ehrgeiz da selbst herausarbeiten müssen. Mit den Männern hat das Ganze gar nichts zu tun, warum denn auch?! Achja, und natürlich ist es selbstverständlich, dass die Frau trotzdem den Haushalt schmeißt und sich um die Kinder kümmert… und das wäre ja keinesfalls eine Ungleichheit in der Rollenverteilung und im Gleichgewicht der Rechte. Und wenn man als Weiße diese Ansicht nicht versteht und ihnen versucht zu erklären, dass man es auch niemals verstehen KANN, dann denken sie man versteht sie aufgrund sprachlicher Probleme und Barrikaden nicht. Aber dass es die Ansicht ist, die man anzweifelt, das kann ja gar nicht sein. Und ich rede hier von Mitarbeitern der DUCA, einer extrem weltoffenen und liberalen Organisation, mit einer Schweizerin an der Spitze….

Dieses ganze Denken ist hier so tief verwurzelt, dass es mir unmöglich scheint daran zu rütteln und es zu verändern. Ein wirklich schwieriges Thema, darüber könnte ich noch Seiten schreiben.

Ok, wieder zurück zur Hochzeit 🙂 die gesamte Kirche bricht wieder in Jubelgeschrei aus als sich das Paar die Ringe ansteckt. Danach folgt eine recht seltsame Tradition: Braut und Bräutigam setzen sich auf ihre zwei Stühle, diesmal aber in Richtung Publikum, haben jeweils einen Spendenkorb auf dem Schoß und alle Gäste stehen nacheinander auf und schmeißen ihnen Geld hinein. Wie bei der Kollekte…

Danach folgt das Ganze nochmal, diesmal für die Kirche. Also sie haben schon einen kleinen Knacks wenn‘s ums Geld geht, die Kameruner.

Gegen 18 Uhr ist schließlich auch die kirchliche Trauungsprozedur zu Ende und alle stehen noch vor der Kirche und quatschen. Ich frage unseren Mentor Makarios wann wir heute Abend am besten kommen sollten, da ja auf der Einladung steht, dass das Fest um 8 beginnt. Er lacht laut und erklärt, wir sollten frühestens um 23 Uhr kommen, eher gegen Mitternacht. Essen gäbe es eh erst danach.  Das schockt uns ein bisschen. Ich beschließe erst noch einmal zu schlafen, das bietet sich ja geradezu an. Also fahren wir heim und ich kriege tatsächlich noch zwei Stunden Schlaf bis ich um 10 wieder aufstehe und mich für das große Fest fertig mache. Als wir kurz vor Mitternacht im großen geschmückten Festraum ankommen sind wir zum ersten Mal an diesem Tag nicht zu früh dran. Fast alle anderen sind schon da und relativ zügig beginnt auch der Aufbau des Buffets. Um eins gibt es dann endlich essen. Allein die Vorstellung um ein Uhr morgens ein ganzes Hochzeitsessen zu verputzen ist total verrückt. Aber ich bin hellwach und das Buffet ist innerhalb kürzester Zeit ratzeputz aufgegessen, nach kamerunischer „jeder-nimmt-sich-so-viel-wie-er-kann-Art“. Nach dem Essen gibt es ein paar Stories über das Brautpaar und dann den Hochzeitstanz.

Georges und Agathe

Ein echtes Highlight ist um drei Uhr morgens die Hochzeitstorte, mehrstöckig und ein Traum aus Sahne 🙂 Danach ist der offizielle Teil endgültig vorbei und es wird bis sechs Uhr morgens getanzt und gefeiert.

Wow, eine Hochzeit von 9 Uhr morgens bis um 6 am nächsten Tag. Ein wirklich cooles Erlebnis. Und wieder zeigt es eine Menge über die Gelassenheit und Feierlustigkeit der Kameruner.

Die nächsten Tage brauchte ich allerdings erst mal um Schlaf nachzuholen^^

Das soweit zu meinen interkulturellen Erfahrungen im Rahmen der Eheschließung 😉

Jetzt kriegt ihr noch eine Story, die mal wieder beweist wie erstaunlich stark die Gelassenheit schon auf mich abgefärbt hat:

Es ist Dienstagmittag, und ich komme gerade von der Post zurück (an dieser Stelle vielen vielen Dank an Franz und Mama für die beiden wundervollen Päckchen!). Auf unserem Balkon begegne ich einem Handwerker, die arbeiten gerade hier im und am Haus und streichen alles neu. Und da wir im dritten Stock wohnen, müssen sie ständig auf unseren Balkon um darüber das Malergerüst an der Außenwand hochzuziehen. Als ich die Tür aufschließe bin ich schon in Gedanken bei der Reispfanne die ich mir zu Mittag machen will. Ich drehe den Schlüssel zweimal um und drücke die Klinke hinunter, aber nichts bewegt sich. Die Tür geht nicht auf. HÄ?! Ich versuche es noch mehrmals, aber sie will einfach nicht. Und langsam schwant mir, was passiert sein muss. Wir haben innen an der Tür jeweils oben und unten einen Riegel, den man hoch- bzw. runterschieben kann, als Extra-Sicherheitsmaßnahme zum normalen Schloss.

Riegel an der Tür

Auf jeden Fall scheint sich der untere Riegel irgendwie gelöst zu haben, runtergerutscht und eingerastet zu sein. Mist mist mist.

Jetzt hat auch der Handwerker meine Misere bemerkt und schaut sich das Problem an. Er stellt sich mir als Elvis vor (ja, so heißen hier viele 😀 )und entschuldigt sich für sein Französisch, er sei anglophon. Oh, wenigstens eine gute Sache, ich kann mich auf Englisch unterhalten 🙂

Das Problem ist nur leider sehr verzwickt. Wir stehen auf dem Balkon, auf den die Haupttür führt. Vom Balkon führen zwei Türen in die Wohnung. Eine in die Küche, die ist von innen abgeschlossen und der Schlüssel steckt, und eine ins Wohnzimmer, die bei der der Riegel runtergefallen ist. Elvis fragt mich ob jemand da wäre der eine Ahnung hat wie man die Tür wieder aufbekommen kann. Hmm, ja vielleicht der Gardien, unser Hausmeister Ahmed. Also kommt Ahmed mit seiner Sense (oh ja, damit kommt er immer, die ist mehrzwecktauglich^^) und stochert unter der Tür herum, leider zwecklos. Er meint ich solle den Vermieter anrufen und fragen ob er noch einen Zweitschlüssel für die Küchentür hat. Der Vermieter erklärt mir am Telefon empört, er wäre doch nicht derjenige der sich um unsere Schlüssel kümmert, das müssten wir schon selbst machen. Die Handwerker sollten uns helfen und wir sollten durchs Fenster in die Wohnung. Durchs FENSTER? Ich möchte dazu sagen, dass es zwei Fenster gibt: das eine ist in der Wohnzimmertür, und ist mega dick, da bräuchte man schon einen Vorschlaghammer um das einzuschlagen. Mal davon abgesehen, dass ich ganz bestimmt niemanden unser Tür-Fenster einschlagen lassen werde! Soweit kommt’s noch.

Das andere Fenster ist unser großes Wohnzimmerfenster. Super zum Einsteigen, dafür an der senkrechten Hauswand im dritten Stock in mindestens zehn Metern Höhe.

Ich kann nicht in meine Wohnung und es sieht auch so aus als ob das erst mal so bleiben wird.

Die Situation scheint so verzwickt und unlösbar, dass mein Ich von vor vier Monaten wahrscheinlich völlig ausgetickt wäre und rumgeheult hätte. Aber irgendwie lässt es mich alles eher kalt. Ich bin der festen Überzeugung, dass es eine Lösung gibt. Wie lange es dauert bis wir diese finden kann allerdings niemand wissen. Also setze ich mich in aller Ruhe ins Treppenhaus und beschäftige mich mit meinen Päckchen.

In den nächsten zehn Minuten stürmt die gesamte Handwerker-Truppe unseren Balkon, alle mit dem Ziel unsere Tür aufzukriegen. Sie kommen mit Messern und anderen Werkzeugen um unter der Tür hindurchzukommen, doch alles zwecklos. Die armen Kerle sind ziemlich resigniert, dass sie mir nicht helfen können. Doch kurz darauf kommt Elvis wieder raus und grinst. Er hat in der Zwischenzeit das Gerüst weitergebaut, und inzwischen reicht es fast bis zu unserem Wohnzimmerfenster hoch. Durch dieses will er jetzt in die Wohnung einsteigen. Ich bin noch ein bisschen ungläubig, folge ihm aber auf den Balkon. Im Folgenden zwei Bilder um die Situation ein bisschen zu verdeutlichen:

an der Hauswand unter unserem Fenster

Elvis, Retter in der Not

Und wie ihr seht schafft er es auch! Hebelt einfach unsere Fensterscheiben aus und setzt sie dann von innen wieder ein. Und endlich endlich kann ich wieder in meine Wohnung. Ich bin so dankbar, dass ich ihm erst mal ein Glas Wasser und ein paar Plätzchen bringe, die wir am Vortag gebacken haben. Als er mich damit sieht, ist er aber nicht so glücklich. Er erklärt mir, dass er das nicht gemacht hat weil er etwas im Gegenzug haben wollte, sondern weil er gerne neue Freundschaften schließt und einfach gerne anderen hilft. Das finde ich so süß, dass ich gleich noch gerührter bin, und ihm noch eine Banane dazugebe. Er nimmt es schließlich doch an, er arbeitet ja auch hart und hat ordentlich Hunger.

Das zeigt mal wieder was für unglaublich tolle, selbstlose Menschen es in diesem Land gibt 🙂

Und dass es doch noch eine Lösung gab. Es gibt immer eine Lösung!

Ich finde, das ist ein guter Schlusssatz für diesen Eintrag 😉 also habt eine gute Nacht und noch einen schönen Nikolausabend!

Viele Grüße von ganz weit weg!

Die nicht ganz so schönen Seiten Afrikas

Standard

In der letzten Woche haben sich die Ereignisse gerade so überschlagen und es gibt wirklich viel zu erzählen. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass alle die, die ein nettes Bild Afrikas und seiner Bewohner behalten wollen und alle, die schwache Nerven haben jetzt aufhören sollten zu lesen, denn das Folgende ist wirklich nicht schön.

Es ist Freitagmorgen, Mada und ich sitzen im Taxi. Ich halte meine Tasche fest obwohl ich die Tür schon verriegelt habe, denn wir geraten schon wieder in einen Stau. „Seltsam“, denke ich mir noch, „hier ist doch sonst nie Stau“. Es ist auch komisch weil wirklich viele Leute auf der Straße sind und jetzt kommt rechts sogar eine richtige Menschenmenge. Sie scheinen alle um irgendetwas herumzustehen. Ich folge meinem Neugierreflex und versuche zu erkennen was es ist. In diesem Moment fährt das Taxi einen halben Meter weiter vor und plötzlich habe ich fast freie Sicht auf eine Art Scheiterhaufen. Das erste was ich sehe ist ein schwarz verkohltes Bein, dann erkenne ich auch den Rest des Körpers und den Kopf. Das Gesicht ist stellenweise aufgeplatzt und man sieht noch rotes Fleisch. Bis ich allerdings realisiere, dass da ein Mensch verbrannt wurde, brauche ich einige Momente. Ich sage nur „Mada, schau nicht hin“ und bin wirklich froh, dass sie das auch nicht tut.

Jetzt dringt mir auch durch die knapp offenen Fenster der Geruch von verbranntem Fleisch in die Nase. Der Tote liegt auf einem Aschehaufen, der teilweise noch glüht und raucht. Um ihn herum stehen unglaublich viele Menschen die alle ihre Handys gezückt haben, filmen und fotografieren. Als einige uns im Taxi sehen fangen sie an ans Auto zu klopfen und Sachen zu rufen wie „na, Weiße, hast du sowas schonmal gesehen? So machen wir das hier in Kamerun“, und sie alle grinsen dabei.

Ich wende mich von der ganzen Szenerie ab und versuche nur noch mich abzulenken. Bloß nicht die Fassung verlieren, das würde die Leute draußen nur anstacheln. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor bis der Taxifahrer uns endlich unter Hupen und Brüllen durch die Menschenmenge manövriert hat und wir endlich da raus sind.

Natürlich weiß ich was dort geschehen ist. Ein Dieb, ein sogenannter „délinquant“ wurde gefasst und hingerichtet. Wenn die Menschen hier Diebe zu fassen kriegen, dann bringen sie sie schon gar nicht mehr zur Polizei, sondern verüben Selbstjustiz, die meistens äußerst grausam ausfällt. Denn wenn Verbrecher bei der Polizei abgeliefert werden, sind sie ein paar Stunden später schon wieder auf freiem Fuß. Und machen frech weiter. Wenn sie dann der weitgehend armen Bevölkerung noch ihr letztes Hab und Gut stehlen, macht diese kurzen Prozess mit den Dieben. Es ist Verzweiflung auf beiden Seiten. Die Menschen werden zu Dieben weil sie selbst nichts haben, und sogar obwohl sie wissen was für ein Schicksal ihnen droht.

Letztens habe ich von einer Geschichte gehört bei der einem gefassten Dieb die Füße aufgeschnitten wurden. Er wurde dann aufgehängt und man ließ ihn durch die Füße verbluten.

Allerdings liegt doch noch ein großer Unterschied zwischen erzählt bekommen und selbst erleben.

Wir sind fassungslos, dass die Menschen hier so kaltblütig über Leben und Tod ihrer Mitmenschen entscheiden. Dass sie dann auch noch darum herumstehen und alles filmen. Dass es für sie Alltag ist einem Menschen das Leben zu nehmen weil er etwas gestohlen hat. Und an dieser Stelle muss ich nochmal betonen: die Leute die so grausam hingerichtet werden sind „nur“ Diebe. Sie haben weder jemanden ermordet noch vergewaltigt, sondern versucht etwas zu klauen.

Das ist wirklich krasser als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Den ganzen restlichen Tag sehe ich nur noch Menschen, die bei solchen Grausamkeiten ohne mit der Wimper zu zucken mitmachen würden, wenn ich durch die Straßen Doualas gehe. Die Stadt hat sozusagen in meinen Augen ihre Unschuld verloren. Wenn man vorher alles noch ein bisschen belächelt hat, die Korruption im Postamt, die Taschendiebe, dann ist das hier nichts als purer Ernst. Irgendwo sehe ich auch die Gründe der Menschen wenn sie so etwas tun, aber verstehen tue ich es trotzdem nicht. Werde ich wahrscheinlich auch nie. Dafür habe ich jetzt die Bilder und den Geruch, die sich in mein Gehirn eingebrannt haben. Jedes Mal wenn ich jetzt verbranntes Fleisch rieche kommt alles wieder hoch. Dann sehe ich den Verbrannten vor mir als stünde ich direkt vor dem Scheiterhaufen.

Ich habe lange überlegt ob ich hier darüber schreiben soll, aber ich will euch ein unverblümtes Bild meines Lebens und meiner Erfahrungen in diesem Land vermitteln, und dazu gehört auch die grausame Selbstjustiz der Kameruner.

Leider sollte es an diesem Tag noch nicht zu Ende sein mit den unschönen Erlebnissen.

Am Abend, es war Freitag, fuhr ich mal wieder los nach Buea zu Lea, um dort das Wochenende mit ihr und Hanna zu verbringen. Franzi und Michael wollten am Samstagabend auch noch dazukommen.

Ich freute mich darauf meine Freunde zu sehen und ordentlich Ablenkung zu haben von den Bildern, die mir ständig wieder in den Kopf kamen.

Leider kam ich abends erst relativ spät los, und als ich in Buea ankam war es dunkel und ich sehr müde. Ich kam in den Hof vor dem Haus von Leas Gastfamilie und sah Hanna und Lea schon hinter dem erleuchteten Fenster in Leas Zimmer sitzen. Ich ging aufs Fenster zu und rief schon ein Hallo als ich plötzlich ins Leere trat, hinfiel und mit meinem rechten Knöchel komplett umknickte. Ich hatte im Dunkeln eine Treppenstufe nach unten übersehen. Leider war mir sofort klar, dass ich mir den Fuß ernsthaft verletzt hatte. Hanna und Lea und Leas gesamte Gastfamilie, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren (ich weiß nicht wie die Kameruner das immer machen 😀 ), halfen mir ins Haus und nach diesen zwei Minuten war der Knöchel schon wie ein Ei angeschwollen.

Aber wie es das Schicksal so will ist Mami Catherine, Leas Gastmutter, eine ehemalige Krankenschwester und so wurde mein Fuß fachgerecht eingecremt und verbunden. Am nächsten Morgen ging es dann ins Krankenhaus, in dem eine amerikanische Ärztin arbeitet. Sie untersuchte mich kurz und meinte es wären wahrscheinlich die Bänder, aber sie wollte einen Bruch ausschließen und sagte ich solle das röntgen lassen. Leider gibt es in ganz Buea nur einen Röntgenapparat, im General Hospital, und wir mussten bis Montag warten um dort hingehen zu können. In der Zwischenzeit gab sie mir schon mal Krücken und eine Schiene, die ich für die nächsten 3-4 Wochen brauchen werde.

So wurde also mein Buea-Aufenthalt gezwungenermaßen verlängert, was mir aber gar nicht so viel ausmachte, denn Buea ist ja immer wie ein Entspannungsurlaub für mich 😉

Montagmorgen fuhren wir dann zum General Hospital, wo ein uraltes Röntgengerät steht. Wie ein Kran ragte es über mir auf und ich musste auf eine Art OP-Tisch steigen und meinen Fuß unter den Röntgenkasten legen. Im Röntgenraum befand sich gerade eine Gruppe junger Ärzte die dabei waren den Umgang mit der Maschine zu lernen. Ich wurde sogleich gefragt was mir denn passiert sei und alle drückten ihr Mitleid aus. In Kamerun sagt man dann „Ashia“ (im englischen Teil) oder „Assia“ (im französischen Teil). Das bedeutet so viel wie „oh nein, das tut mir leid, ich wünsche dir alles Gute“. Ashia wird zu jeder Gelegenheit gesagt, z.B. wenn jemand ein Familienmitglied verloren hat aber genauso wenn jemand gerade erschöpft ist vom Tag. Einfach ein Multifunktionswort, welches mir inzwischen dutzende Male pro Tag begegnet 😉

Die Röntgenergebnisse gab es leider erst am nächsten Tag, also ging noch ich mit Lea zur Arbeit und schaute abends beim Basketballspielen zu, was wirklich gemein war, weil ich am liebsten sofort mitgespielt hätte. Am nächsten Morgen hielt ich dann endlich mein Röntgenbild in Händen, was eine riesige Folie war, diese alten Röntgenbilder halt. Glücklicherweise war nichts gebrochen! Danach wieder zu Doctor Trixy ins Seventh Day Adventist Hospital, die sich den Knöchel nochmal ansah. Ihrer Aussage nach „nicely sprained“. Inzwischen war der Knöchel grünlich und immer noch ordentlich angeschwollen. Weil ich in der Nacht ziemlich gefroren und jetzt Kopfweh hatte, machte ich gleich noch einen Malaria-Test dazu. Den machte ein Krankenpfleger, der mit einer Nadel kam und sie mir ohne zu zögern einmal zur Hälfte in meinen Mittelfinger rammte. Mit dem Blut, dass da kam hätte ich fünfzig Malaria-Tests machen können^^

Der Test war Gott sei Dank negativ, eine große Erleichterung, das hätte jetzt gerade noch so gefehlt.

Eine Stunde später wurde ich dann auch schon abgeholt, von Merlin meinem Tutor und Michel, dem Fahrer unserer Schule. Der Schuldirektor hatte angeordnet mich in Buea abzuholen, da er nicht wollte, dass ich mit meinem Bein in einem Auto fuhr, in dem man hinten zu viert und vorne zu dritt sitzt. So eine komfortable Fahrt nach Hause hatte ich noch nie 🙂

Inzwischen bin ich also seit Dienstagnachmittag zu Hause und habe heute meine ersten Krück-Versuche im Quartier unternommen. Ich war bei der Schneiderin um mein Kleid endlich abzuholen. Sie hatte sich schon gewundert wo ich die ganze Zeit geblieben war und ließ mich das Kleid gleich in ihrem Laden anprobieren. Wir entschieden zusammen, dass es noch ein bisschen taillierter genäht werden musste und ich setzte mich neben sie während sie es umnähte und dann bügelte. Da ich ja inzwischen richtige Konversationen auf Französisch führen kann war das sehr nett. Später bin ich dann nochmal zu ihr gekrückt, um ihr den Stoff für ein Abendkleid zu bringen, dass ich für eine Hochzeit brauche auf die ich nächstes Wochenende eingeladen bin. Ich bin wirklich schon mega gespannt wie das wird 🙂 also beide, das Kleid und die Hochzeit^^

Dann machte ich noch einen Abstecher bei meiner Freundin Dorcasse und ihrer Tochter Gwendolyn, die einen kleinen Laden betreiben. Während Gwendolyn mir Mehl und Zucker aus großen Säcken abfüllte setzte ich mich hin und erzählte ihr von meinem Wochenende. Sie ist ein sehr süßes Mädchen, um die 17, und ich glaube sie ist ein kleines bisschen geistig behindert. Man merkt es an ihrer Art, ich kann es euch nicht richtig beschreiben, aber ihr kennt das bestimmt. Wenn jemand im Umgang einfach anders ist und sich anders verhält. Oft passt Gwendolyn ganz allein auf den Laden ihrer Mutter auf und ist super selbstständig. Und jedes Mal wenn sie mich sieht freut sie sich ein Loch in den Bauch 🙂

Viele denen ich auf dem Weg begege sagen „patience“, „du courage“ oder „assia“. Es ist echt nett wie alle einen aufmuntern wollen!

Ansonsten probiere ich gerade viele Rezepte aus, habe schon Kuchen gebacken, Teigbällchen frittiert und Kartoffelpuffer gemacht. Irgendwas muss man ja tun mit so viel Zeit^^

So, das wars mal wieder von mir. Ich wünsche euch eine Gute Nacht und schöne Träume 🙂

P.S.: noch ein kleiner bekrückter Gruß an an euch 😉